Die Fusion von Imperial Chemical Industries und Courtaulds, die einen Industriekoloß von rund 900 Mill. Pfund schaffen würde, ist nicht nur wegen der Größenordnung aufsehenerregend. Der Zusammenschluß, durch den sich ICI mit Courtaulds, dem größten Kunstfasererzeuger der Welt angliedert, um zusammen mit der eigenen Produktion fast 95% der britischen Kunstfaserindustrie zu beherrschen, ist ein Zeichen der industriellen Mobilmachung für den britischen Eintritt in die EWG. Es soll sagt ICI, jene Seite der britischen Textilindustrie gestärkt und zurückgewonnen werden, die allmählich in kontinentale Hände schlüpft. Wozu soll man getrennt – und vielleicht nicht nur in Großbritannien selbst – neue Fabriken bauen, die dann eine Zeitlang nicht voll ausgenützt werden können? Dies sowie die Vereinheitlichung der sehr kostspieligen Laboratorien und des inländischen und internationalen Verkaufsapparats werden als die Beweggründe und Vorteile der Transaktion angeführt, über welche sich übrigens der Verwaltungsrat von Courtaulds bisher mit betäubender Stille ausschweigt.

Das bevorstehende englische Kunstfasermonopol wird von der Regierung kaum angefochten werden; sie beruft sich nicht nur auf ihre grundsätzliche Abneigung, gegen Eingriffe ins Geschäftlichen, sondern auch darauf, daß eigentlich schon bisher insofern ein unschädliches Monopol besteht, als die beiden Gesellschaften am dritten englischen Großproduzenten British Nylon Spinners je zur Hälfte beteiligt sind. Was die englische Position nach dem von der ICI energisch befürworteten englischen Anschluß an den Gemeinsamen Markt betrifft, scheinen Kunstfasern jedoch nur ein vorgeschobener und mindestens kein alleiniger Grund zu sein, weshalb die ICI die Transaktion so scharf betreibt.

Der Name Courtaulds wird zwar meist mit Kunstseide identifiziert, und es gibt bekanntlich auch eine Glanzstoff-Courtaulds unter den weltweiten und besonders in Amerika umfangreichen Interessen des Konzerns. Dieser hat sich aber gerade in den letzten Jahren weit über die Kunstseide hinaus ausgedehnt, so in durchsichtigem Verpackungsmaterial und in anderen Kunststoffen, wie insbesondere auch in der Farbenindustrie, letzteres durch Erwerb des Unternehmens Pinchin Johnson. All dies nun gehört ins Feld der chemischen Industrie, wo die dominierende ICI im Hinblick auf den Gemeinsamen Markt viel mehr an den EWG-Wettbewerb denken muß als bei den Kunstfasern und Kunstfasergeweben selbst, bei denen sich die Einfuhr aus der EWG (die allerdings sechsmal so groß wie die Ausfuhr dorthin ist) in den letzten vier Jahren nicht wesentlich geändert hat. Dagegen ist die gesamte Chemikalieneinfuhr aus der EWG seit 1958 um 41%, die Ausfuhr jedoch nur um 28% gestiegen, und gerade jetzt hat sich das Verhältnis verschlechtert. Obwohl die englischen Zölle höher sind als der EWG-Durchschnitt, können die niedrigeren kontinentalen Preise die Zollmauern überspringen. Die Nationalökonomen haben daher Stoff zum Nachdenken, ob der scharfe Konkurrenzwind, den der Windmacher Macmillan diesmal von der EWG her über England entfesseln will, durch die Aufrichtung überdimensionaler Gebilde nicht erstickt wird. Kl.