Von Alfred Micfaaclis

Als Folge der fortschreitenden Automatisierung und verlangsamten Wirtschaftsexpansion der letzten Jahre ist die amerikanische Wirtschaft auf einem Bodensatz der Arbeitslosigkeit von 6 bis 7 % der Gesamtzahl der Beschäftigten sitzengeblieben. Die gegenwärtige Regierung betrachtet es als ihr wirtschaftspolitisches Hauptziel, diesen sogenannten „harten Kern“ der Arbeitslosigkeit durch Beschleunigung der Expansions- oder Wachstumsrate zu liquidieren oder zumindest stark zu reduzieren. Es ist bezeichnend, daß die Beschäftigtenzahl der amerikanischen Industrie in den letzten zehn Jahren nur noch geringfügig von rund 15 auf 16 Millionen gestiegen ist, obwohl sich der Produktionswert in dieser Zeit um mehr als die Hälfte erhöht hat. Die geringe Zunahme entfällt noch dazu auf das Büropersonal, während die Zahl der Arbeiter sogar einen leichten Rückschlag erfahren hat. An und für sich ist durch die Automatisierung ein wesentlich höherer als der in der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit demonstrierte Prozentsatz von Kräften aus dem Produktionsprozeß ausgeschaltet worden. Soweit die freigesetzten und die durch die Bevölkerungszunahme hinzugekommenen Arbeitskräfte nicht durch die Erweiterung der industriellen Produktion aufgesaugt wurden, haben sie vor allem im Sektor der Dienstleistungen Unterkunft gefunden. Der Dienstleistungssektor, der sich in ununterbrochener Expansion befindet, ist zum wichtigsten Aufnahmereservoir für die durch die Automatisierung ausgeschalteten Arbeitskräfte geworden. Wollte man also die Entwicklungstendenz der amerikanischen Wirtschaft charakterisieren, so muß man feststellen, daß sie sich in immer stärkerem Maße von einer landwirtschaftlichen und industriellen Produktionswirtschaft zu einer Dienstleistungswirtschaft („service economy“) entwickelt.

Während nach Kriegsende noch rund 40 % der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitskräfte in Industrie und Bergbau tätig waren, ist dieser Anteil bis zum Jahre 1960 auf knapp ein Drittel gesunken. Das Zurücktreten des industriellen Sektors gegenüber den Dienstleistungen spiegelt sich auch in den Ausgaben der Verbraucher wider. Seit dem Jahre 1945 haben sich die Verbraucherausgaben für Dienstleistungen der verschiedenen Arten von jährlich 40 Milliarden Dollar auf etwas über 140 Milliarden erhöht, d. h. mehr als verdreifacht. Ziemlich genau der Verteilung der Arbeitskräfte entsprechend hat sich das Verhältnis der Verbraucherausgaben gewandelt: Der Anteil der Dienstleistungen ist von knapp einemDrittel nach Kriegsende auf gegenwärtig 40 % gestiegen. Diese Entwicklungstendenz scheint sich fortzusetzen.

Etwa seit 1955 ist die amerikanische Wirtschaftsentwicklung in ein Stadium eingetreten, in dem der Markt mit dauerhaften Verbrauchsgütern weitgehend saturiert war. Das trifft vor allem auf das wichtigste, das Automobil, zu. Aber auch der Bedarf an Kühlschränken, Fernsehgeräten, Klimaanlagen und anderen Haushaltsgeräten und sonstigen Artikeln ist weitgehend gedeckt. Die Periode des Nachholbedarfs aus der Kriegszeit und der vorangegangenen Weltwirtschaftsdepression ist abgeschlossen. Die Industrie ist auf die Produktion des laufenden Ersatzbedarfs und des durch die Bevölkerungszunahme bedingten Neubedarfs beschränkt. Das reicht nicht mehr aus, um der Wirtschaftsentwicklung starken Auftrieb zu verleihen. So haben die Fabrikverkäufe an Personen- und Lastwagen ihren Höhepunkt im Jahre 1955 mit etwas über 9 Millionen Fahrzeugen erreicht und sind seitdem auf durchschnittlich etwa 6 bis 7 Millionen Einheiten zurückgefallen.

Die amerikanische Industrie macht zwar große Anstrengungen, den Ersatzbedarf durch Stiländerungen und technische Verbesserungen anzuregen. Dem sind bei vollentwickelten Produkten aber ziemlich enge Grenzen gesetzt. Wenn die große Masse aller Haushalte mit dauerhaften Verbrauchsgütern versorgt ist, so wendet sich der Verbrauch in die Richtung erhöhter Inanspruchnahme von Dienstleistungen, die in erster Linie auf dem Gebiet der Verbesserung der Wohnverhältnisse liegen und die Bautätigkeit in Gang halten. Knapp ein Drittel aller Ausgaben für Dienstleistungen entfällt auf das Wohnungswesen und die Unterbringung in Einfamilienhäusern, in denen nunmehr 60 % der amerikanischen Bevölkerung leben. Im übrigen befinden sich die Ausgaben für Finanzierung (vor allem auf Hypotheken und den Kauf von Automobilen), Versicherungen, den Haushaltsbetrieb (Heizung, Elektrizität, Gas, Wasser, Telephon, Reparaturen), Gesundheitspflege, Erziehung, Kleidung und Erholung in ständiger starker Zunahme. Zum Teil stehen diese erhöhten Ausgaben für Dienstleistungen ja in Zusammenhang mit den angeschafften dauerhaften Verbrauchsgütern.

Der Dienstleistungssektor erweitert sich aber noch von einer anderen Seite her. Die auf zunehmenden Steuereinnahmen beruhenden Dienstleistungen der öffentlichen Hand befinden sich in allen entwickelten und sich entwickelnden Ländern in einer starken Expansion, die mit einer Erweiterung des Beamtenapparates verbunden ist. In den Vereinigten Staaten fällt dieser Faktor so stark ins Gewicht, daß die expandierenden Regierungsdienste der Städte, Staaten und Bundesregierung zum ’wichtigsten Beschäftigungsreservoir geworden sind: Von 1950 bis 1960 hat die Beschäftigungszahl der öffentlichen Hand um nicht weniger als 40 % zugenommen. Mit dem steigenden Lebensstandard eines Landes erhöhen sich nämlich die Ansprüche an die kommunalen und staatlichen Dienste, die durch Steuerleistungen finanziert werden müssen.

Die amerikanische Wirtschaft ist also in einem ziemlich fortgeschrittenen Stadium der Sättigung des Bedarfs an dauerhaften Verbrauchsgütern an dem Wendepunkt der Umstellung von einer Produktions- zur Dienstleistungswirtschaft angelangt. Die Zahl der Personenkraftwagen ist auf über 60 Millionen gestiegen, so daß auf durchschnittlich 3 Einwohner ein Automobil entfällt. 90 % aller Familien verfügen über ein Fernsehgerät. Kühlschränke gehören zur selbstverständlichen Wohnungsausstattung. Waschmaschinen sind allgemein im Gebrauch. Aus dieser Bedarfssaturierung ergibt sich die langsame und von häufigen Rückschlägen unterbrochene Wachstumsrate der Industrieproduktion, die hartnäckige Stagnation besonders der Stahlproduktion, die hinter früheren Erwartungen stark zurückbleibende Entwicklung des Erdölverbrauchs und der „Bodensatz“ der Arbeitslosigkeit, die vom Dienstleistungssektor nicht voll absorbiert werden kann. Die Industrie beantwortet die konkurrenzverschärfende Stagnation mit der Fortsetzung der Automatisierung, um durch Kostensenkung die Oberhand zu wahren. Für ein bestimmtes Produktionsvolumen sind also immer weniger Industriearbeiter nötig, während die „Service economy“ sich personell ausdehnt.