Es schwindet der Nebel der großen Worte

Von Paul Sethe

Ob 1962 wirklich das Jahr der Entscheidungen werden wird, wie einige kluge Leute meinen, ist im Augenblick schwer zu sagen. Aber ganz gewiß wird es ein sehr bewegtes, vielleicht stürmisches Jahr werden. Jeder Bewohner der Bundesrepublik kennt das tiefe Unbehagen, das sich aus dem Mißverhältnis zwischen zunehmender materieller Geborgenheit und wachsender Unsicherheit in allen öffentlichen Angelegenheiten ergibt. Wir alle werden dieses Mißbehagen im kommenden Jahr noch häufiger spüren.

Die Bevölkerung der Bundesrepublik geht in dieses neue Krisenjahr mit unruhiger Gemütsverfassung. Sie beginnt sich zu fragen, ob es möglich sein wird,-die alten Wege weiter zu gehen. Noch bejaht die Mehrheit diese Frage. Aber die innere Selbstverständlichkeit, mit der sie früher glaubte, den Zustand der Geborgenheit erreicht zu haben und darin beharren zu können, ist dahin. Neue Ideen haben sich derweil noch nicht durchsetzen können, zum mindesten ist es nicht gelungen, sie der Bevölkerung verständlich zu machen. Man glaubt also nicht mehr fest an das Alte, aber man zögert, von ihm Abschied zu nehmen.

Der 13. August hat das Leid der Mitteldeutschen vermehrt, er hat die Tür ihres Gefängnisses für lange Zeit zugeschlagen. Er hat auch die Westdeutschen erschreckt, heilsam erschreckt; aber ob hier seine Wirkung wirklich in die Tiefe reicht, ist nicht deutlich. Dieser Augusttag hat uns allen sichtbar gemacht, daß wir uns für eine nicht vorausberechenbare, aber gewiß sehr lange Zeit von der Hoffnung lösen müssen, die staatliche Einheit unseres Volkes wieder herstellen und den Mitteldeutschen die Freiheit geben zu können. Kaum jemand wagt noch, das Wort von der „Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit“ auszusprechen. Den meisten Rednern bleibt es im Halse stecken.

Die Ernüchterung ist ein beträchtlicher Vorteil. Es lag im allgemeinen viel – unbewußte – Unredlichkeit in dem Versprechen, bald würden Einheit und Freiheit kommen. Wir haben uns als Nation zu lange selbst belogen. Mit Selbstbetrug ist keine erfolgreiche Politik möglich. In dem Augenblick, in dem der Nebel der großen Worte fällt und wir den Mut haben, der kalten Wirklichkeit ins Auge zu sehen, könnte es sein, daß der Weg frei wird für eine schöpferische Politik.

Im Moment ist es das Ziel der alliierten wie der bundesrepublikanischen Politik, die Lage in Deutschland und in Berlin zu erhalten, so wie sie ist – nämlich unerträglich. Kühne Politiker versteigen sich zu der Forderung, die Mauer müsse wieder weg, der Zustand vor dem 13. August müsse wiederhergestellt werden – obgleich es doch dazumal auch von jenem Zustand schon hieß, er sei den Deutschen unzumutbar. Gelänge es heute, dieses damals Unzumutbare zurückzuerhalten, so würde das bereits als ein Sieg westlicher Diplomatie gepriesen werden. Dabei kennt jeder schon einen Teil der westlichen Zugeständnisse, die die Situation weiter verschlechtern werden, die man aber dennoch glaubt, machen zu müssen, weil anders die Freiheit Berlins nicht zu retten sei.