Das Jahr 1961 begann um sieben Minuten vor zwölf. Nicht Greenwichzeit, versteht sich, auch nicht Moskauer oder Washingtoner Ortszeit, nein: Sieben Minuten vor zwölf in der unorthodoxen Zeitangabe der amerikanischen Atomwissenschaftler, die auf dem Umschlag ihres Bulletins der Welt einmal im Monat künden, was die Atomuhr geschlagen hat. Präziser: Welche Spanne der Menschheit wohl noch vergönnt sein mag, bis ihre letzte Stunde schlägt.

Vor einem Jahr mochte sieben Minuten bis Weltuntergang reichlich pessimistisch anmuten. Ganz verdüstert war der waffenstarrende Horizont ja keineswegs. Kennedy wartete vor den Toren des Weißen Hauses, hinter ihm standen kluge und wohlmeinende Leute mit Aktentaschen voller Ideen, wie die Welt aus der gefährlichen Sackgasse des nuklearen Wettrüstens herauszuführen sei, und bei der sechsten Pugwash-Konferenz, die kurz zuvor Wissenschaftler aus Ost und West in Moskau vereint hatte, war an den Russen eine ganz neue, zu schönen Hoffnungen berechtigte Aufgeschlossenheit gegenüber den amerikanischen Gedankengängen aufgefallen.

Doch von den Blütenträumen ist kein einziger gereift, sie zerstoben im radioaktiven Höhenwind von Nowaja Semlja. Die Sowjetunion markierte den Weg der Großmächte im Jahre 1961 mit Meilensteinen zum Abgrund: Dem harten Njet von Genf, der rücksichtslosen Wiederaufnahme der Atomtests und der brutalen Drohung mit der Hundert-Megatonnen-Bombe.

In zwei Jahren hatten sich amerikanische, britische und sowjetische Unterhändler in Genf sehr nahe an ein Abkommen über die kontrollierte Einstellung der Atomwaffenversuche herangearbeitet. Als die Konferenz im März wieder zusammentrat, unterbreitete Kennedy einen entgegenkommenden Vorschlag. Nicht nur, daß die Sowjets ihn ablehnten – sie zogen sogar ihre früheren Konzessionen . wieder zurück. Zusehends lösten sie sich von den Verpflichtungen, die sie zuvor eingegangen waren. Mit ihrer Troika-Forderung "wollten sie in die Überwachungsapparatur ein sowjetisches Vetorecht einbauen, das jegliche Kontrolle über die Einhaltung eines Teststopps unmöglich gemacht hätte.

Warum die Russen die Gespräche blockierten! Heute wissen wir es: Weil sie damals schon neue Kernwaffenversuche vorbereiteten. Am 29. August kündigten sie die Wiederaufnahme der Tests an; in der Frühe des 1. September zündeten sie ihre erste Bombe. Während der folgenden zwei Monate registrierten die amerikanischen Beobachtungsstellen über 50 sowjetische Kernexplosionen mit einer Sprengkraft von insgesamt 120 bis 160 Megatonnen TNT. Der Sinn der Versuche: Terrorisierung der Weltmeinung; Verfeinerung der Atomwaffen im sowjetischen Arsenal; zugleich aber auch Vorarbeiten für die Anti-Raketen-Rakete.

Kein Wunder, daß auch die Vereinigten Staaten neue Atomversuche unternehmen, um ihren bisherigen Vorsprung in der Atomwaffentechnik zu bewahren. Bisher zündeten sie ihre Versuchsbomben nur unter der Erde, doch werden sie bald wieder Versuche in der Atmosphäre anstellen müssen. Über die Vorbereitungen dazu haben sich Kennedy und Macmillan bei der Bermuda-Konferenz geeinigt. Für diese Vorbereitungen werden vier Monate Zeit veranschlagt; in jenen vier Monaten soll noch ein letzter westlicher Versuch unternommen werden, mit den Sowjets zu einer befriedigenden Regelung zu kommen.

Daß er gelingt, wagt keiner recht zu hoffen. Zwar ist die Genfer Konferenz, die während der sowjetischen Versuchsserie auseinandergegangen war, wieder zusammengetreten, aber sie war schon nach drei Tagen erneut auf dem toten Punkt angelangt. Wird der Kreml dem neuen Achtzehner-Ausschuß der UN, der im Frühjahr seine Abrüstungsberatungen aufnehmen soll, ein besseres Geschick bereiten? Es ist zu bezweifeln.