München

Die Polizei ermittelte ziemlich lange, aber dann landeten in der vergangenen Woche vier Männer im Amtsgerichtsgefängnis Garmisch-Partenkirchen. Hausdurchsuchungen bei ihnen hatten zerlegbare Kleinkalibergewehre und Jagd-Trophäen zu Tage gefördert; die Anklage dürfte auf fortgesetzte erschwerte Wilderei lauten.

Nun ist Wilderei – neben der Messerstecherei – in Oberbayern sozusagen ein Kavaliersdelikt; Wildschützen galten dort zu allen Zeiten stets als Helden. Zahlreiche Romane und erhebende Gedichte sind ihnen gewidmet – den verwegenen Burschen schlichter Herkunft, denen es nicht einmal so sehr um den Braten geht, sondern eigentlich hauptsächlich um den Spaß, dem Förster ein Schnippchen zu schlagen. Flinker und gewandter zu sein als der Vertreter der Obrigkeit, bessere Augen zu haben als er und notfalls auch den Finger schneller am Abzug – dann nämlich, wenn der Förster den Wilderer erspäht hat und auf ihn anlegt – so wird das Ideal des Wildschützen in der einschlägigen Literatur geschildert.

Dem Wildschützen gehören die männlichen Sympathien und die Mädchenherzen fliegen ihm zu, nicht nur auf dem Papier. Ob das aber auch für jene vier Männer gilt, die sich in der Garmischer Gegend betätigten, ist zu bezweifeln. Nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen sieht es nämlich, eher so aus, als würden sich demnächst manche wackeren Bayern scharf und deutlich von dem Quartett distanzieren; vor allem jene, deren Herz für die Trachtenvereine schlägt.

Die vier haben, soviel bis jetzt bekannt ist, mindestens zwanzig Gemsen geschossen. Nicht um den Braten ging es ihnen (denn Gemsenfleisch stinkt schauerlich), auch nicht darum, Forstleute zu ärgern. Nein, „amoi a Gamserl schiaßn“ zog es ihn, so bekannte einer vor der Polizei, denn: „I wollt halt gern an Gamsbart ham.“ Kaufen hätte er sich leider keinen können.

Der Gamsbart gehört aufs grüne Hütl, das zusammen mit Lodenjanker und bestickter Lederhose die wichtigsten Bestandteile der Miesbacher Tracht bildet. Ihre Tracht aber ist den Bayern eine Herzensangelegenheit, was sich auch mathematisch demonstrieren läßt: Von den insgesamt 2000 Trachtenvereinen in Europa und Übersee entfallen allein! 800 auf Bayern. „Die Tracht“, heißt es in den Richtlinien der Vereinigten Bayerischen Trachtenverbände, „muß der bodenständigen Sitte entsprechend unverfälscht aufrechterhalten werden. Bubiköpfe, lackierte Fingernägel, angestrichene Lippen und ausrasierte Augenbrauen sind Maskerade und unmöglich in einem Trachtenverein“. Dem Dirndl ist se dene Unterwäsche strengstens verboten; beim Plattln dürfen nur weiße Leinenunterröcke zu seien sein; der korrekte Abstand des Saumes vom Fußboden beträgt einen Maßkrug.

Wie viele Trachten es in Bayern gibt, läßt sich kaum feststellen. Häufig werden irgendwo alte Gewänder vom Dachboden geholt – als Vorbild für eine Tracht, die neu eingeführt und gepflegt werden will. Manchmal setzen sich die Initiatoren durch, manchmal nicht. Anderswo verschwinden die überlieferten Trachten allmählich, und an vielen Orten sind Bestrebungen im Gang, die Tracht zu modernisieren – zu vereinfachen, damit sie bequemer getragen werden kann und auch billiger im Preis wird.