Das Unbehagen an der Zivilisation ist ein Grundmuster unserer Literatur geworden. Was in romantischen Bereichen der reine Tor war und sich noch an der Schwelle unseres Jahrhunderts etwa in der verträumten Zeitferne von Hesses Knulp, in den Träumern Rilkes oder den Weltflüchtigen Hofmannsthals manifestierte, wendet sich in unserer Gegenwart aggressiv gegen die Struktur unserer gesellschaftlichen Organismen. Die Kästner-Drohung „Noch gibt es Dörfer ohne Operette“ stimmt nicht mehr: Unsere Zivilisation ist allgegenwärtig geworden und duldet kein romantisches Abseitsstehen mehr. Die Folge davon: die reinen Toren sind bitterböse geworden.

Einer von ihnen ist der Held des jüngsten Romans von

Frank Thiess: „Sturz nach oben“; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 485 S., 19,80 DM.

Seine Geschichte wird in diesem Band zweimal erzählt: einmal als Märchen von dem Besitzlosen, der einen Diamanten findet und durch dessen Zauber die Gunst der Prinzessin gewinnt, bis er mit dem Stein auch wieder sein Glück verliert (vier Seiten); das andere Mal als ein Schicksal aus diesen Nachkriegsjahren, randvoll gefüllt mit Geldgeschäften, Spionage, Zeitungskrieg und Machtkämpfen (480 Seiten).

Der Mann, dessen Name Peregrin die Verwandtschaft mit der ganzen romantischen Ahnenreihe von Wanderern und Landlosen, Eichendorf schen Taugenichtsen und Hesseschen Knulps andeutet, entdeckt auf einem Müllhaufen einen Koffer voll Geld. Eben erst befand er sich auf der Wanderschaft in die friesische Stadt Histrum (das kaschierte Stormsche Husum), um dort seine ärmliche Existenz durch soliden Broterwerb aufzumöbeln. Der Koffer öffnet ihm mit einem Zauberschlag alle Tore zu einem Dasein, in dem alles wie auf Kugellagern rollt. Doch um genau zu sein: er gewann nicht Reichtum, er verlor nur seine Armut. Und auch fortgeworfenes Geld pflegt irgendwem zu gehören.

In diesem Fall ist ein Ring von in Bedrängnis geratenen Agenten der mehr oder weniger rechtmäßige Eigentümer des Zauberkoffers. Die Lust an der Behaglichkeit, die Gunst schöner und verwöhnter Frauen werden schrittweise unterminiert von jenem Untergrund lichtscheuer Existenzen, deren Prunkstück ein menschliches Wrack ist, das versuchsweise eine Mondrakete gesteuert und bei dieser Gelegenheit seine männlichen Qualitäten eingebüßt hat. Bemühungen, das heiß gewordene Geld samt all den angenehmen Konsequenzen, die es mit sich gebracht hat, fortzuwerfen, gelingen nur halb. Bevor sich noch die Wogen glätten können, wird Peregrin das Opfer eines Unfalls.

Ein Märchen, in dem Elektronengehirne und Psychiater, Weltraumschiffe und Spionageringe um die Seele dieses Jedermann von 1961 kämpfen. Die Spannungsbögen, Verstrebungen und Gegenführungen sind mit nicht geringerer Präzision durchkalkuliert als ein Brückenbogen oder das Trägergerüst eines Hochhauses. Solche Perfektion – der epischen Architektur ist selten geworden; sie findet ihre Vorläufer im Lebenswerk von Frank Thiess. So auch die Gestalten dieses Buches, ihre Rundung, ihre kräftige Lebensfülle.

Von der revolutionären Haltung moderner Bücher, vor allem der jüngeren Generation, unterscheidet sich dieser Roman durch die solidere Konstruktion des erzählerischen Grundgerüstes. Es scheint, daß der Wohlfahrtsstaat die zornigen jungen Männer, das Wirtschaftswunder die romantischen Rebellen gegen das organisierte Leben am laufenden Band hervorbringe. Weltraumflug und Weltflucht scheinen sich zu entsprechen. Der Heimatlose Wanderer und bedürfnislose Zivilisationsflüchtling Peregrin deklariert sich als der Archetyp einer an Abenteuern armen und an Lebenssicherheit überreichen Zeit. Otto F. Beer