Kl. London, im Dezember

Das englische Festhalten an einem archaischen System von Maßen und Gewichten, an Yards, Pints und Pounds statt Metern, Litern und Kilos, gilt mit Recht als sinnfälliges Symbol von Isolationismus. Es konnte daher nicht ausbleiben, daß die Annäherung an Europa auch an dieser „Festung“ rütteln werde. Die Industrieverbände und Handelskammern haben – wie schon mehrmals in den letzten eineinhalb Jahrhunderten – das Problem eines Übergangs zum metrischen System und zu einer Dezimalwährung untersucht. Die Regierung sympathisiert mit der Reform, ohne sich jedoch endgültig festzulegen. Der erste Schritt dürfte der Übergang von Fahrenheit- auf – Celsiusgrade in der Temperaturmessung sein, während metrische Maße und Gewichte wohl noch Jahre auf sich warten lassen dürften.

Die Währungsreform hätte nämlich eine sehr kostspielige technische Seite. Als der Vorschlag einer Dezimalwährung zum erstenmal im Jahr 1799 studiert wurde, ließ man wegen der damit verbundenen Revolution der Buchhaltung davon ab. Die Revolution hätte zwar damals nur ein Umlernen der Buchhalter bei ihren Federkiel-Eintragungen ins leinengebundene Hauptbuch erfordert. Heute aber sind gemäß einer Erhebung der British Association for the Advancement of Science und des Handelskammerverbandes folgende Maschinen und Geräte im Gebrauch, die bei Übergang auf Dezimalwährung entweder geändert oder ganz aus den Betrieben gezogen werden müßten:

390 000 Registrierkassen, 290 000 Addier- und Rechenmaschinen, 85 000 Buchhaltungsmaschinen, 40 000 Frankiermaschinen, 800 000 den Preis der verkauften Ware berechnende Waagen, 25 000 Benzinpumpen mit Preisangabe, 150 000 Verkaufs- und Amüsierautomaten mit Münzeinwurf, 150 000 Telephonautomaten, 22 000 Briefmarkenautomaten, 13 500 Taximeter.

Die naturgemäß nur sehr schätzungsweise Berechnung gibt die Kosten der Dezimalisierung dieses Riesenapparates mit 128 Mill. £ oder fast 1,5 Milliarden D-Mark an. In der Aufstellung ist die große Zahl der auf Münzeinwurf eingerichteten Gas- und Stromzähler (fast in allen Hotels und Boardinghäusern ohne Zentralheizung, aber auch in vielen Privatwohnungen) nicht inbegriffen; die Änderung wird davon abhängen, ob die neuen Münzen dieselbe Größe wie die heute verwendeten haben werden, in welchem Fall sie benutzt werden körnten und man dafür eventuell nur eine andere Menge Gas oder Strom erhalten würde. Das wieder führt zu der zahlenmäßig noch ganz ungeklärten Frage der Kosten der neuen Münzprägung. Der Hartgeldumlauf ist nicht zuletzt wegen der starken und weiter wachsenden Ausdehnung des Verkaufs durch Münzautomaten verhältnismäßig groß. Sollte die neue Währungseinheit, wie die meisten Reformer anregen und wie es Südafrika bereits getan hat, etwa unter dem Namen „Britannia“ einem halben £ oder 10 sh entsprechen, so müßten bei einer Unterteilung in 100 (Cents?) die heutigen Münzen schrittweise durch neue ersetzt werden.

In den Büros und Verkaufsläden aber ist die Umstellung ein einmaliger, mehr oder minder an den Tag des Inkrafttretens der Reform gebundener Prozeß mit sofort fälligem Aufwand. Er würde sich gemäß einer bei 160 großen Gesellschaften vorgenommenen Erhebung auf durchschnittlich über eine halbe Million D-Mark für jede dieser Firmen belaufen.

Der kleine Gemüsekrämer wird seine Registrierkasse und automatische Waage auswechseln oder anpassen müssen und überall werden Anschaffungen nötig sein, für die Staatshilfe in Form besonderer Abschreibungssätze usw. gewährt werden dürfte. Für zahlreiche Industrien, von Datenverarbeitungsmaschinen und Schokolade-Automaten bis zu den Druckern von Fahrscheinen und Formularen würde sich ein stoßweiser Auftragseinlauf ergeben, weshalb man sich bereits ernsthaft an der Börse für die betreffenden Aktien interessiert.