Große Förderpläne sollen bis 1965 realisiert werden

Von Gerd Jensen

Vor einigen Wochen versuchte Die Zeit (vgl. Nr. 45) eine Analyse der westeuropäischen Erdgaswirtschaft. Zur Abrundung und Ergänzung des Bildes soll nun ein Überblick über die Entwicklung des Erdgassektors in Osteuropa folgen. Hier ist insbesondere die Aktivität auffallend, mit der in der Sowjetunion die Expansion dieses Energieträgers und Rohstoffes vorangetrieben wird, nachdem man erkannt hatte, wie günstig die technischen Eigenschaften bei gleichzeitig niedrigen Gewinnungs- und Transportkosten sind. Erdgas- und Erdölförderung genießen heute in den langfristigen Volkswirtschaftsplänen der Sowjetunion deshalb eine Vorzugsstellung.

Im Jahre 1959 betrug die Erdgasförderung der Welt über 426 Mrd. Kubikmeter. 80 % davon entfielen auf die Vereinigten Staaten, während die UdSSR erst mit 8 % an der Weltförderung beteiligt war. In den USA, als dem klassischen Land der Erdgaswirtschaft, begann das Erdgas bereits von der Jahrhundertwende an eine bedeutende Rolle zu spielen, während man sich ihm in Rußland erst nach 1950 verstärkt zuwandte. Obwohl die Sowjetunion von jeher eines der wichtigsten Ölproduktionsländer war und die russisch-zaristische Ölförderung zeitweise sogar die USA überholte, hat man der systematischen Prospektion nach Kohlenwasserstoffen bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkriege kaum besondere Beachtung geschenkt. Heute jedoch nimmt die Erdgaswirtschaft im Volkswirtschaftsplan der UdSSR einen gewichtigen Platz ein, und im Wachstumsvergleich der einzelnen Wirtschaftszweige liegt sie weit vorn. Bei absoluten Förderzunahmen von 9,5 Mrd. m hoch 3 im Jahre 1958, 7,3 Mrd. m hoch 3 1959 und 9,6 Mrd. m hoch 3 1960 betrugen die Wachstumsraten 51 %, 26 % und 27 %.

Eine derartig starke Ausdehnung des Erdgassektors innerhalb der Energiewirtschaft mußte sich auch in der Energiebilanz niederschlagen. Der Anteil des Erdgases am Primär-Energieverbrauch der Sowjetunion erhöhte sich entsprechend von 2,7 % (1955) auf 7,5 % im Jahre 1959. Der Zuwachs des Mineralölanteils vollzog sich während dieser Zeit wesentlich abgeschwächter. Rückläufig wie fast in allen Ländern ist auch in der UdSSR der Anteil der Kohle. Dies obwohl Förderung und Verbrauch von Kohle wegen der Ausbaupläne der sowjetischen Schwerindustrie absolut noch angestiegen sind und noch weiterhin steigen werden. So soll die Stein- und Braunkohlenförderung nach Aussagen Chruschtows bis 1970 jährliche Steigerungsraten von durchschnittlich 3,4 % aufweisen und fast 700 Mill. t erreichen, die Erdölförderung Raten von 10 % und 390 Mill. t ausmachen, während die Gaserzeugung um durchschnittlich 20,5 % jährlich wachsen soll, um 1970 310 bis 325 Mrd. m hoch 3 zu erreichen. Bis zum Abschluß des Siebenjahresplanes 1965 wird die Gasgewinnung 150 Mrd. m hoch 3 betragen, wovon der größte Teil auf Erdgas entfällt, so daß dann nahezu 20 % des sowjetischen Primär-Energieverbrauchs von Erdgas gedeckt werden; der Kohlenanteil wird dann nur noch 50 % betragen.

Die nachgewiesenen Erdgasreserven Sowjetunion wurden Ende 1959 mit 1,5 Billionen m hoch 3 angegeben. Allein ein Drittel dieser Vorkommen sind 1959 entdeckt worden. Die vermutlichen Erdgasreserven Rußlands sollen jedoch ein Vielfaches der bis jetzt georteten Vorräte betragen.

Drei Schwerpunkte