Von Kurt Kusenberg

Elf Institute, über die ganze Erde verteilt, befassen sich seit vierzehn Jahren mit dem unsichtbaren Wesen Es. Sechs von ihnen registrieren seine Wirkungen; vier Institute suchen seine Eigenschaften zu bestimmen; ein Institut sammelt Anhaltspunkte über sein mutmaßliches Aussehen, zumindest aber über seine Beschaffenheit. Um zu vermeiden, daß die Öffentlichkeit von der Es-Forschung Kunde erhalte, arbeiteten die Institute lange Zeit zum Schein an anderen Aufgaben; ihr eigentlicher Zweck blieb geheim. Als aber vor fünf Jahren zwei Assistenten des Kori-Institutes im Trunk das Geheimnis ausplauderten, erfuhr die Presse davon, und seither ist die Es-Forschung in aller Munde. Sie bleibt auch nicht mehr das Reservat der Es-Institute. Wer als Forscher etwas gelten will, hält es für unerläßlich, sich an der weltweiten wissenschaftlichen Treibjagd zu beteiligen.

Merkwürdig ist dabei, daß jeder Forscher, der sich mit dem Phänomen Es befaßt, binnen kurzem eine Theorie aufstellt, die von keinem anderen Forscher geteilt wird. Gäbe es zwei oder drei Theorien, die einige Züge gemein hätten, dürfte man hoffen, dies Gemeinsame enthalte einen brauchbaren Ansatz, um Es zu bestimmen. Doch davon kann nicht die Rede sein. Professor Grgst von der Universität Vdczm beharrt darauf, Es sei ein Rest der prima materia, dem es nicht gelinge, im Haushalt der Natur ein Plätzchen zu finden, wo es sich einordnen: könne: daher seine Unruhe und sein störendes Verhalten. Wenn man so wolle, meint Grgst, sei Es Bewegung schlechthin – eine im Energievorrat der Welt nicht mitbedachte Bewegung, die sich selber vorantreibe.

Peter P. Petersen-Peer, Privatgelehrter in Peersborg, hält Es für ein Konglomerat aller schöpferischen Gedanken, die nicht unter die Menschen gedrungen sind, weil ihre Urheber sie nicht fixiert haben, aus Gleichgültigkeit, Vorsicht oder Trägheit. Als ein vielfach in sich verschlungenes Gemengsei bilde Es keine Einheit und sei deshalb unfähig, selbständig zu handeln, wohl aber vermöge es katalytisch zu wirken. Es sei so gut wie gewiß, daß Es sich mitteilen könne, freilich nicht durch Worte, sondern durch Schwingungen, die man mit Hilfe eines besonders empfindlichen Oszillographen auffangen und deuten müsse. In etwa drei Jahren, kündigt Petersen-Peer an, werde er eine Grammatik der Es-Sprache vorlegen.

Doch das sind, zufällig herausgegriffen, nur zwei von zahllosen Theorien, die Es einzukreisen trachten. Andere Theorien bestimmen Es als einen Brechungseffekt der Mondstrahlen, einen Virus, eine elektronische Dunstwolke, ein fluidisches Phantom, eine Art von Farbmusik, eine Lichtverdichtung, einen kleinen Fehler im Entwurf des Weltsystems. Der Schamane Botis aus dem Stamm der Wokiren lehrt seine Jünger: „Atmet ihr, so atmet ihr Es. Spuckt ihr, so spuckt ihr Es. Es ist das eigentlich Notwendige in einer Welt des Zufalls.“

Da die Es-Forschung die ganze Welt erfaßt hat, ließ sich nachweisen, daß Es in allen fünf Erdteilen auftaucht, bisweilen rasch hintereinander. Letzteres führte zu der Annahme, es gäbe mehrere Es oder ganze Rudel davon. Dagegen spricht wiederum, daß Es noch nie gleichzeitig an zwei auseinander liegenden Orten registriert worden ist und daß seine Route sich verfolgen läßt, wenn auch nicht so lückenlos wie die eines Wirbelsturms. Man hält also daran fest, daß Es eine singuläre Erscheinung ist, die sich mit großer Geschwindigkeit fortbewegt: fliegend, rollend oder springend, vielleicht auch schlurfend. Wieviel Es wiegt, weiß man nicht; die Schätzungen schwanken zwischen siebenunddreißig Milligramm und sieben Tonnen.

Über die Eigenschaften des Phänomens Es glaubt man einiges zu wissen, wenngleich keine Vermutung unwidersprochen bleibt. Professor Jonathan O’Hara von der Universität Maryville in Louisiana verficht die These, Es liebe blaue Farbtöne, insbesondere Kobaltblau. O’Hara zufolge verweilt Es gern bei blauen Gegenständen und „segnet“ sie. Ein blauer Autobus fährt besser, ein blauer Kinderball springt hurtiger, sobald Es ihn berührt (oder angestrahlt oder durchzittert) hat. Professor Konstantin O’Hara, ein Vetter des eben Genannten, Dozent an derselben Hochschule, setzt dagegen. Es sei farbenblind und unfähig, die Konsistenz von Gegenständen zu verändern.