Es ist ein Jahr her, daß man den Vamp der zwanziger Jahre in der Pariser Haute Couture wiederzubeleben versuchte. Kaum war er bei den Vorführungen der Kollektionen erschienen, brach ganz Europa in ein Hohngelächter aus. Man wollte das nicht mehr. Es erschien unseren jungen-Damen ridikül, in der Pose einer Asta Nielsen oder Pola Negri aufzutreten. Jedoch, heimlich schiffte sich die makabre Gestalt nach Übersee ein, vielleicht auch flog sie mit einer Jet-Maschine, um dort unzählige Kopien nach ihrem fatalen Bilde zu veranlassen. Jede große amerikanische Modezeitschrift bringt seither diese mageren, strengen Mannequins mit dem infernalischen Blick einer männermordenden Diva. Nein, männerfressend, denn die strikt auf Diät gesetzten Mädchen sehen aus wie Menschenfresserinnen, die, ähnlich dem Vater Saturn, imstande sind, die eigene Brut zu verspeisen, wenn sie eine in die Welt zu setzen fähig wären.

Die Remigration des Vamps nach Amerika, wo er einst den Destillierkolben der Traumfabriken von Hollywood entstiegen war, ist höchst bemerkenswert, mehr noch, ein Signal. Man will dort also wieder die femme fatale unseres Jahrhunderts, neu gemischt mit der sophisticated lady. Das Wort „sophisticated“, wenn man den Engländerinnen und Amerikanerinnen trauen darf, scheint unübersetzbar. Es enthält wohl Ingredienzien des Vamps und besteht in der Hauptsache aus: gesellschaftlicher Glätte und Sicherheit, Intellektualismus der Eierköpfe, einem gewissen Prozentsatz an Bildung und Geschmack sowie einer gehörigen Portion Snobismus. Die sophisticated lady hüllt sich in eine Rüstung, selbstsicher weiß, sie sich zu behaupten. Das Exempel der total Emanzipierten.

Die femme fatale als Vamp besaß schon in den Anfangszeiten des Films, als er noch stumm war und mehr denn je auf die Augensprache angewiesen, nichts mehr von der süßen, etwas albernen und trotzdem gefährlichen Demimonde der Belle Epoque. Sie hüllte sich in körperenge sinistre Gewänder, umrandete die Augen schwarz mit den tiefen Schatten der Erschöpfung durch das Laster, wobei der Schein oft trügen mußte, um das Opfer anzulocken, und wackelte lasziv mit den Hüften. Vampende junge Mädchen der Inflationszeit in Berlin malten die Schatten mit dem Staub, den sie nicht zu wischen gewillt waren.

Wenn es eine Herkunft gegeben hatte, so kam sie vom Kabarett, von der großen Chansonette Yvette Guilbert mit den armlangen schwarzen Handschuhen zum giftgrünen Kleid, und von Marya Delvard, der Muse der Elf Scharfrichter in München um die Jahrhundertwende, die bleich, mit blutrotem Mund Gedichte aufsagte und sang, in einer knappen schwarzen Hülle steckend wie eine sich windende überlange Raupe. Der Erdgeist Lulu dagegen, das Geschöpf von Frank Wedekind, hatte nach des Dichters Regieanweisung im gelben, plissierten Hänger einer Clownesse von den Gnaden eines Toulouse-Lautrec aufzutreten. Allerdings mit schwarzen Strümpfen. Man war zwar schlank, besaß jedoch noch sämtliche femininen Merkmale, derentwillen ein Mann seinen Verstand verlieren konnte.

Nun sind die allerlezten Kurven geschunden, bis auf die Busenköniginnen Monroe und Mansfield, die ihre Beliebtheit der modischen Opposition verdanken. Auch geben sie etlichen sehr maskulinen Junggesellen, die noch von Patriarchat und Harem schwärmen und der orientalischen Weisheit huldigen, „Die Schönheit des Weibes ist das Fett“, den Traum von der Frau zurück, wie sie im Schöpfungsplan angelegt war. Sonst gehen Gespenster unter uns um und klappern mit den Knochen, als wäre die Welt ein Beinhaus; die Linien, von Busen und Hüften wurden begradigt gleich ungebärdigen Flußläufen, sie wurden kanalisiert. Die femme fatale hatte früher kein Herz, nun hat sie auch keinen Schoß. Sie ist unfruchtbar und in die Wüste verstoßen wie Hagar – in die Wüste der Zivilisation, in das technische Zeitalter.

Als weiblicher Narziß genügt sie sich selbst, und so trinkt sie kein Blut mehr wie der Vamp, sondern verspeist den Besitz des Mannes, der ihr den Spiegel halten darf. Sie nimmt Brieftaschen, Schecks, Aktienpakete, Millionen und zum Frühstück die Tiffany-Brillanten. Die Frauenvereine haben dem Amerikaner vorgeschrieben, auf seine puritanische Mutter zu hören, die ihm von Kind auf sagt, daß den Frauen die Liebe ein Greuel sei, im Grunde nichts anderes als Vergewaltigung, und daß sie dies innerhalb der ehelichen Gesetze seufzend dulden. So nutzt der Vamp das zeitlebens schlechte Gewissen einiger boyisch gebliebener Männer aus.

Die Attrappe der femme fatale, vom Film bereits quittiert, ist in die Gesellschaft der upper ten eingedrungen. Die Covergirls als ihre Fixierung dürfen nicht mehr lächeln wie bisher; ihre blaß geschminkten Lippen sind fest aufeinander gepreßt in jener Schmalheit, die den Geiz – auch den erotischen – und die Kleinlichkeit verrät, ganz zu schweigen vom ständigen Gezänk. Manchmal vermag der Photograph einen dünnen Illusionstüll darüber zu breiten und das grausame Auge der Kamera zärtlich zu verschleiern. Dann ist es so, als wäre ein Schmetterling aus synthetischer Faser mit dem soeben erfundenen künstlichen Duftstoff des berühmten Chemikers getränkt worden, im die Schmetterlingsmännchen, die das echte Duftgeheimnis zu wittern meinen, von weither anzulocken und zu vernichten wie schädliche Nachtfalter.