Mit einem gewissen Elan ging die holländische Börse ins Jahr 1961: Nach der Baisse, die etwa Mitte September 1960 einsetzte und bis zum Jahresende anhielt, trat ein fühlbarer Umschwung ein. Der Generalindex (1953 = 100), der am letzten Börsentage 1960 mit 395 am Tiefpunkt angelangt war, kletterte bis 11. April auf 484. Damit war allerdings der einstweilige Höchstpunkt erreicht: In den ersten vier Monaten stieg der Aktienumsatz nominal auf 402 Mill. Gulden und erreicht damit bereits 40 % des Gesamtumsatzes 1960.

Gewiß traten zwischenzeitliche Schwankungen auf, doch war es erstaunlich, wie rasch sich die Amsterdamer Effektenbörse immer wieder von den Rückschlägen erholte, die durch die Vorgänge auf der politischen Weltbühne verursacht wurden. Auch auf die völlig unerwartete Aufwertung von D-Mark und Gulden im März reagierte sie mit würdiger Ruhe. Überblickt man jedoch die Entwicklung von April bis Oktober, dann überwiegt der Eindruck der Mattheit. Die Ziffern liegen noch unter denen der vorjährigen Baisseperiode. Im Oktober allerdings trat wieder eine leichte Erholung ein. In diesem Monat stieg der Umsatz auf 54,7 Mill. Gulden (Vormonat 42,3 Mill. Gulden), blieb aber gegenüber Oktober 1960 (68,7 Mill. Gulden) erheblich zurück. Für die Festverzinslichen lagen die Dinge günstiger. Der Nominalumsatz erhöhte sich in den ersten zehn Monaten 1961 auf immerhin 792,3 Mill. Gulden, gegen 697,7 Mill. Gulden in der gleichen Vorjahreszeit. Der Aktienkurswert erreichte im September mit 28,2 Mrd. Gulden den Tiefpunkt, um sich dann im Oktober auf 29,6 Mrd. Gulden zu erholen.

Die Kapitalbewegung im privaten wie im öffentlichen Sektor wich von der des Vorjahres erheblich ab, soweit sich dies an Hand der Daten für die ersten neun Monate feststellen läßt.

Der Verkauf holländischer Wertpapiere ins Ausland ging zurück, während der Erwerb von Auslandseffekten durch in Holland Ansässige stieg und die Gewährung kurzfristiger Kredite des Auslandes zunahm. So betrug die Wertpapierausfuhr in den ersten neun Monaten 1959 rd. 1,2 Mrd. Gulden, in der gleichen Zeit 1960 894 Mill. und 1961 495 Mill. Gulden. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, daß die Ziffer für 1959 durch die Transaktion Royal Dutch-Canadian Eagle stark beeinflußt wurde, wodurch ein recht bedeutender Betrag an neubegebenen Aktien ins Ausland wanderte. Das Jahr 1961 brachte dennoch völlig neue Tendenzen. Der Schwerpunkt lag beim Erwerb ausländischer Effekten durch Landesansässige, der durch die Öffnung des holländischen Emissionsmarktes für ausländische Guldenanleihen stark angeregt wurde. So stieg dieser Erwerb von 172 Mill. Gulden in den ersten neun Monaten 1959 auf 220 Mill. Gulden in der gleichen Zeit 1960 und auf. nicht weniger als 615 Mill. Gulden in der gleichen Zeit 1961. Und was nun die kurzfristigen Auslandskredite anbelangt, so entfalteten die Banken in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Rührigkeit. Die Kreditsumme stieg, wiederum jeweils in den ersten neun Monaten, von 77 Mill. Gulden 1959 auf 379 Mill. Gulden 1960 und 408 Mill. Gulden 1961. Für die Kursentwicklung war die Begegnung der Inlandseffekten von ausschlaggebender Bedeutung. Die Baisse-Entwicklung der letzten Monate erklärt sich aus der nachlassenden Nachfrage des Auslandes.

Zum Jahresende verursachte Unilever eine gewisse Turbulenz, nachdem am 12. Dezember die Aktien des Konzerns bzw. deren Zertifikate an der New Yorker Effektenbörse zur Notierung zugelassen worden waren. Die Stückelung der Unilever-Aktien zu Werten von fl. 20 nom., sowie die Notierung an der Amsterdamer Effektenbörse in Gulden statt in Prozenten, erwies sich als äußerst attraktiv. An der Börse ist auch schon die Rede davon, daß Philips diesem Beispiel folgen wird, ja, daß sich bald auch weitere Gesellschaften von einiger Bedeutung zu ähnlichen Schritten bequemen müssen.

In Holland wächst das Interesse für Aktienanlagen, wenn auch die kleinen Sparer vorsichtig sind und Aktien von Investmentgesellschaften bevorzugen. So gehören die Aktien von Investmentgesellschaften wie Robeco, Interunie und Vereenigd Bezit schon seit Monaten zu den Spitzenreitern. Anderseits zeigt sich ein folgender Trend bei den Anlegern des Auslandes: Das Interesse für holländische Lokalpapiere läßt nach. Nachdem sich die Gewinnspannen der holländischen Unternehmen schon im laufenden Jahre infolge der wachsenden Lohnkosten verringert haben, ist nach Inkrafttreten der neuen Kollektivverträge, die etwa 700 000 Arbeitnehmer in Holland umfassen, mit einer weiteren Schmälerung zu rechnen. Die Erwartungen der Anleger hinsichtlich der künftigen Rendite sind nicht gerade hoch, zudem ist die Beurteilung des holländischen Guldens im Ausland weniger wohlwollend geworden. Dennoch dürfte; wohl in bezug auf die künftige Kursentwicklung kein Grund zum Pessimismus bestehen, da ein starker, wenn vielfach auch latenter Anlagebedarf vorhanden ist; Aus dem regen Interesse für Obligationsemissionen (auch ausländischen) läßt sich schließen, daß noch reichliche Mittel in Holland vorhanden sind.

Es ist damit zu rechnen, daß 1962 auf dem holländischen Kapitalmarkt Angebot und Nachfrage etwa 3,6 Mrd. Gulden ausmachen werden, wobei die holländische Regierung einschl. der Kommunen etwa 700 Mill. Gulden beanspruchen dürften, so daß für den Privatsektor einschl. des Auslandes 2,9 Mrd. Gulden zur Verfügung stehen. Aus konjunkturpolitischen Gründen will sich die holländische Regierung etwas zurückhalten, um dem Privatbedarf entsprechenden Spielraum zu lassen, wenn sie sich auch vorbehält, erforderlichenfalls gewisse Liquiditäten zu binden. Daher sind Vorhersagen über die Zinsentwicklung kaum möglich. Zu erwarten ist jedoch eine Hochflut konvertierbarer Anleihen aus Gründen schrumpfender Gewinnspannen und weiterer Anspannung des Arbeitsmarktes, wodurch die Unternehmerschaft zu umfassenden Rationalisierungsinvestitionen gezwungen wird. Zudem ist nach der holländischen Steuergesetzgebung die Aufnahme von Anleihekapital entschieden vorteilhafter als die Aufstockung des Aktienkapitals. Zwar fordern gewisse politische Kreise Einschränkung der Investitionstätigkeit im privatwirtschaftlichen Bereich, doch ist die holländische Regierung einsichtsvoll genug, diesen Forderungen nicht nachzugeben.

Erwin A. Granzow