Von Arno Schmidt

„Wir Deutschen feiern gern, vielleicht mehr als irgend ein anderes Volk, gewisse Tage, die eine Zeitmaß-Beziehung haben auf uns teure Personen oder Begebenheiten, wie Geburtstage, Jubiläen und dergleichen. Der Meßkünstler, in dessen Augen Verschwommenheit und Willkürlichkeit im Gegensatz zu Schärfe und Festigkeit immer etwas abstoßendes haben, findet einen kleinen übelstand darin, daß der Grund, warum eben dieser Tag und nicht ein anderer zur Begehung der Feier bestimmt wird, mehr oder weniger von Willkürlichkeiten abhängt: von der Einrichtung unseres Kalenders, der Verteilung der Schaltjahre, von dem Bestehen des Dezimalsystems ...“ (Gauß an Alexander v. Humboldt; 7. 12. 1853) 1

Ah, meine „Julianischen Tage“; wenn ich eurer so gedenke...

Und der liebenswürdigen, schwärmerischen Leserin fällt es vielleicht gleich wie „Italien“ ein, so „Via Julia“ oder „Emilia“; „Das weiße Meer ist eingeschlafen, und purpurn steht ein Segel drauf“; nichts wie „Duineser Elegien“ und „Venezianische Epigramme“? – Nee, nee.

Meistens kommen sie mir ein, wenn ich in den Rasierspiegel zu spähen habe (beziehungsweise dann anschließend die Borsten aus dem „Braun“ puste: aschgraues Gestäube). Oder einen neuen Zaunpfahl tragen soll, 2 Meter 60 lang, Durchmesser die entsprechenden 6 Zoll-und-drüber – das wäre mir früher auch beträchtlich leichter gefallen; o gravitas gravitatum! Oder eben, präziser: Oh, meine Julianischen Tage! (17 350 sind es heute, am 20. Juli 1961, da ich dieses tippe.)

Denn also fährt der große Gauß in seinem oben als Motto zitierten, ehrerbietigen Briefe an den damaligen Nestor der naturwissenschaftlichen Forschung fort: „Ich kann nicht unterlassen, übermorgen, den 9. Dezember, in tiefer Rührung einen Tag zu feiern, dessen ergreifende Bedeutung von keiner solchen Willkür berührt wird; es ist dies der Tag, wo Sie, mein hochverehrter Freund, in ein Gebiet übergehen, in welches noch keiner der Koryphäen der exakten Wissenschaften eingedrungen ist: der Tag, wo Sie dasselbe Alter erreichen, in welchem Newton seine, durch 30 766 Tage gemessene, irdische Laufbahn geschlossen hat.“

Gauß nämlich – den als Eideshelfer anführen zu können schon immer etwas wert ist; es gibt schlechtere, und sie leben mitten unter uns! – führte, unter vielen anderen Registern, auch ein Heftchen, das die Lebensdauer berühmter Männer in Tage umgerechnet enthielt. Und ist es nicht auch eine erste nachdenkliche Verfeinerung, wenn ich von Herder sagen kann; 21 663 Tage hielt die Körpermaschine aus; dann...?