Die Wahl des Kalenders erfordert Umsicht. Zunächst muß entschieden werden, ob wir neben dem Taschen- noch einen Terminkalender gelten lassen. Wer zwar die Kalender, nicht aber jede Notiz verdoppelt, läuft Gefahr, sich durch das makellose Weiß des einen Blattes in trügerischer Ruhe zu wiegen, während in dessen Nebenbuhler gleichzeitig ein wichtiger Termin schmort. Beschränkt sich aber ein vielbeschäftigter Mann auf das Taschenformat, so benötigt er einen Wälzer, der seinen Anzug ausbeult und die Bemerkung herausfordert: „Dir geht es wohl zu gut! Du wirst immer dicker!“ (Damen haben es hierin leichter, sofern gerade große Handtaschen in Mode sind.) Beläßt man es dagegen bei dem Schreibtischkalender, so kann auch ein fleißiger Mensch in den Verdacht geraten, zuviel Zeit zu haben. Denn man muß mit der Neugier der anderen rechnen.

Ein Kalender dient als Gedächtnisstütze. Das, hört sich unverfänglich an. Wer aber bedenkt, daß die meisten Verpflichtungen kein reines Vergnügen bedeuten, dem verwandelt sich sein Kalender in eine Art Flaschenteufel, der es darauf anlegt, ihn zu ärgern. Die verflossenen Vermerke wecken unbequeme Erinnerungen. Und was noch alles bevorsteht, droht, uns die spärliche Lust am Augenblick zu vergällen. Besonders Terminkalender, in denen ich keine Sonn- und Festtage finden – auch das gibt es! –, sind geeignet, das Gemüt zu verfinstern.

Wie aber steht es mit den Wandkalendern? Auf den ersten Blick hin erscheinen sie als reine Augenweide. In Wirklichkeit sind aber auch sie Fallgruben der Phantasie. Da beglückt uns etwa unsere Garage mit einer Serie farbfroher Reisebilder, die am Rande schamhaft mit dem Zeichen der Benzinfirma signiert sind. Noch trinkt die Wimper den Anblick des leuchtenden Capri – und schon erinnert man sich, daß die Autoinspektion fällig wäre, und daß es eine Schande ist, in einem muffigen Büro brüten zu müssen, während an südlichen Gestaden reizende Mädchen Wasserball spielen. So etwas kann böses Blut machen, mit Neid vergiften, überwundene Klassenkampfideologien aufwühlen oder auch den Streit um die Gleichberechtigung des Mannes unnötig verschärfen.

Also: sich einen Kunstkalender kaufen? Die Kanst – so heißt es – verhindere, daß der Mensch zum gehetzten Zweckwesen verkümmert. Mag sein, aber auch hier geraten wir in eine Zwickmühle. Wer moderne Kunst wählt, könnte seine Arbeit vernachlässigen. Er grübelt dann: Welches Rätsel sich hinter einem abstrakten Gemälde verbirgt. Oder: Hat der Perspektivencocktail, in dem Picasso sein Frauenbildnis serviert, philosophische Hintergründe? Wollte er die Dame allseitig vermitteln? Natürlich wäre es auch denkbar, daß er sich nur an ihr rächen wollte, weil sie ihm die Suppe versalzen hat. Oder will er uns einen Schabernack spielen? Bei ihm weiß man das nie genau. Wie dem auch sei: moderne Kunst demoralisiert den Arbeitseifer.

Woraus sich keineswegs ergibt, daß sicher geht, wer sich dem Altbewährten verschreibt und sich auf Rubens, Dürer oder Botticelli verlegt. Wer etwa unbedacht seiner Sekretärin eine Woche lang die „Amazonenschlacht“ vor die Nase hängt, braucht sich nicht zu wundern, wenn in ihrem Herzen Meuterei keimt. Ein Botticelli könnte sie verführen, sich ständig ihr Näschen zu pudern, um mit einer Renaissanceschönheit zu konkurrieren.

Auch die Sinnsprüche auf dem Kalender schaffen zuweilen überraschende Komplikationen. Muß es nicht den Argwohn der Gattin wecken, wenn sie über dem Schreibtisch des Ehemannes plötzlich die bretonische Weisheit entdeckt: „Wer in See sticht: bete einmal! – Wer in den Krieg zieht: bete zweimal! – Wer aber heiratet: bete dreimal!“?

Ein Problem für sich ist die Frage, was mit dem ausgedienten Terminkalender des vergangenen Jahres zu machen sei. Ihn einfach in den Papierkorb zu werfen, wäre höchst unvorsichtig. Was könnten phantasiebegabte Putzfrauen nicht alles aus den harmlosesten Notizen konstruieren? Aber nicht jeder besitzt einen Kamin, um den Kalender fachmännisch zu verbrennen. Ihn im Garten zu vergraben, ist nicht ratsam: wegen der Dackel und der Historiker. Also: ihn, mit einem Stein verpackt, von der Brücke aus in den Fluß werfen? Das wiederum könnte einen wachsamen, Polizisten zu schwerwiegenden Verdächtigungen verleiten. Wenn man den Kriminalromanen trauen darf, ist es unter diesen Umständen am klügsten, den Kalender langsam zu zerkauen und vorsichtig hinunterzuschlucken. Rochus Spiecker