Die Beziehungen Großbritanniens zur Sowjetzone sind eine eigenartige Mischung von Politik und Wirtschaft. Vom außenpolitischen Standpunkt, her existiert die Zone für Whitehall nicht als selbständige staatliche oder autonome Einheit. Sie ist unter sowjetischem Besatzungsregime, und darum werden "außenpolitische" britisch-zonale Angelegenheiten von London aus mit den russischen Besatzungsbehörden oder aber mit Moskau verhandelt. Damit ist nach Londoner Ansicht der Nichtanerkennung des Ulbricht-Staates Genüge getan und für Bonn kein Anlaß zu Beschwerden gegeben. Die Pankow-Regierung, die seit Jahren um die Anerkennung durch Großbritannien buhlt, muß infolgedessen für ihre von Zeit zu Zeit an Großbritannien gerichteten Noten – meist mit gewissem Beschwerdecharakter – einen anderen Weg als den der direkten Beförderung, sei es an die britischen Besatzungsbehörden in Berlin, sei es an das Foreign Office in London, suchen. Bezeichnenderweise wählt sie nicht die russischen Behörden in Ostberlin für einen solchen diplomatischen Verkehr, sondern sie übergibt ihre Noten der tschechoslowakischen Regierung in Prag zur Weiterbeförderung.

Pankow, verlegte sich auch auf Propaganda über den Umweg "Leipziger Messe", und es konnte gewisse Erfolge buchen. Die britische Handelsbilanz leidet unter einem chronischen Defizit, das wiederum zu dem Defizit in der Zahlungsbilanz beiträgt. Seit Jahren bemüht sich die Regierung, die Exporteure mit verschiedenen Mitteln zu größere Anstrengungen in der Gewinnung neuer Absatzmärkte aufzurütteln; aber die Erfolge sind, wie die Statistiken zeigen, ziemlich mager geblieben.

Ist es da ein Wunder, daß der Blick auf. den Ostblock fiel? Aber die Verbote über die Ausführ strategischer Güter, sowie der Fabrikate der Schwerindustrie hinderten die Exportindustrie, den östlichen Lockungen nachzugeben, bis schließlich auf Drängen der britischen Stellen, im Einvernehmen mit den Vereinigten Staaten, eine Lockerung des Embargos eintrat; der Handelskrieg verlor einige Kältegrade in seiner Temperatur. Pankow Sah die Zeit gekommen, den Briten beträchtliche Exportmöglichkeiten in die Zone zu offerieren, wenn sie ihrerseits der Zone die nötigen Pfunde für die Einfuhr britischer Waren zur Verfügung stellen würden.

Und wirklich – London biß an. Das führende Interesse an der Aufnahme einer Handelsverbindung zeigte der größte britische Industriekonzern – die Imperial Chemical Industries; auf ihren Einfluß dürfte es zurückzuführen sein, daß man miteinander zu reden begann. Zunächst waren aber nicht Interessen der britischen Exporteure entscheidend, sondern der – Importbedarf der ICI in Pottasche. Für die Verhandlungen und die Formalisierung der wechselseitigen Handelsbeziehungen delegierte die britische Regierung den Verband der britischen Industrien, dessen zonaler Partner die Kammer für Außenhandel in Ostberlin wurde, die eine Vertretung in London errichtete.

Wir können die Einzelheiten der weiteren Entwicklung, die hauptsächlich von dem in Leipzig zustande gekommenen Kontakt mit dort ausstellenden britischen Exporteuren sowie Agenturen des britischen Importhandels mit den ostzonalen Regierungsorganen ihren Ausgang genommen hat, übergehen. Es kam zu einem bilateralen Abkommen mit wechselseitig festgesetzten Quoten. Vom britischen Standpunkt war der Einschluß einer Exportquote für die Baumwollindustrie wesentlich; als eine der Krisenindustrien Großbritanniens ist sie aus lebenswichtigen Gründen an der Ausfuhr auch verhältnismäßig geringer Mengen ihrer Fabrikate besonders interessiert.

Zwei Faktoren hatten auf den Aufbau dieses Tauschhandels Einfluß: Die Pankow-Regierung ging dazu über, britische Parlamentarier zum Besuch der Messe und der Zone überhaupt einzuladen. Zunächst folgten nur Abgeordnete der Labour Party und unter ihnen besonders des linken Flügels der Partei, später aber auch industriell interessierte Abgeordnete der konservativen Partei den Einladungen. Sie dürften sich aber kaum bewußt gewesen sein, daß sie für Pankow als Propagandamaterial zu dienen hatten.

Ein zweiter Faktor gab schließlich Anlaß zu Bonner Kritik, die auch auf die deutsche Industrie übergriff. Es konnte beobachtet werden, wie britische Exporteure die zwischen Bonn und Pankow jeweils auftretenden Schwierigkeiten, vor allem aber einen zeitweiligen Stop im Handel zwischen der Bundesrepublik und der Zone zu benutzen geneigt waren, um ihrerseits zonale Aufträge an sich zu ziehen – ein Vorgang, der von der interessierten bundesdeutschen Industrie als wenig loyal angesehen wurde; denn sie betrachtete nicht zu Unrecht den ostzonalen Markt als ihr legitimes und angestammtes Absatzgebiet. Das Übergreifen der Politik in die Wirtschaft wurde schließlich im vergangenen Frühjahr noch deutlicher, als die Bundesrepublik die Beteiligung an der Leipziger Messe infolge der Übergriffe der zonalen Behörden abblies. Die Berlin-Krise hatte eingesetzt. Man hätte vielleicht erwarten sollen, daß auch eine ähnliche Stellungnahme von britischer Seite eroigen würde. Sie blieb aus.