Lyonel Feininger (1871 – 1956),

Weihnachten 1933 schickte mir Lyonel Feiningerein Aquarell mit einer Widmung in seiner zierlichen Tuscheschrift. Es waren Segelschiffe; und der Fluß, auf dem sie dahinschwammen, war die Rega. Das Ganze für mich als Nachklang eines gemeinsamen Sommeraufenthaltes in Deep gedacht, über den privaten Anlaß hinaus wurde mir dieses Bild zu einem Einverständnis mit dem großen Maler über künstlerische Prinzipien.

Hier erschienen Segel und Rahen über den zarten Schiffsleibern zu abstrakten Strukturen gebildet. Das hintere Schiff war nicht verkleinert aus perspektivischemGrund in einem Bild, das die Perspektive meidet; sondern es erscheint wie eine Diminution des Themas, das im ersten Schiff angeschlagen war.

Feininger komponierte Fugen und immer wieder Fugen. Bach war für ihn der Inbegriff des Komponisten, und er drückte in seinen Bildern in großer Meisterschaft das aus, was in seinen musikalischen Kompositionen nur Nachklang des Vergangenen blieb. So empfinde ich die zarten strukturellen Gebilde viel weniger „Bachisch“ als „Webernsch“, obwohl Webern, dieser große Meister, Feininger ganz fern stand.

Wenn ich selbst arbeite, versuche ich etwas von der Klarheit der Formen, die aus einer solchen Redlichkeit dem Material gegenüber entstanden sind, in mir hervorzubringen. Dazu hilft mir „Mein Bild“.

WOLFGANG FORTNER, Professor; Komponist geboren 1907 in Leipzig, ausgebildet bei Hermann Grabner und Theodor Kroyer; war Dozent des Kirchenmusikalischen Instituts in Heidelberg und Gründer und Leiter des Heidelberger Kammerorchesters; ist Gründer der Musica-viva-Konzerte des Heidelberger SDR-Studios, Lehrer des Kranichsteiner Musik-Instituts seit 1946, Leiter der Kompositionsklasse der Musik-Akademie in Detmold; komponierte unter anderem das Ballett „Die weiße Rose“ (nach Wilde), die Kammeroper „Die Witwe von Ephesus“, Bühnenmusiken zu „Lysistrata“ (Aristophanes) und, „Bluthochzeit“ (Lorca); Auszeichnungen: Franz-Schreker-Preis (1948), Ludwig-Spohr-Preis (1954) und Bach-Preis (1959).