Die deutschen Sportjournalisten haben in diesem Jahr bei ihrer traditionellen Abstimmung die Fechterin Heidi Schmid aus Augsburg zur „Sportlerin des Jahres“ gewählt. Die Olympiasiegerin von Rom hat 1961 auch den Weltmeistertitel erobert. Im Gesamtwettbewerb der deutschen Sportler und Sportlerinnen endete das Mädel aus der Fuggerstadt hinter dem in Monza tödlich verunglückten Automobilrennfahrer Graf Berghe von Trips und dem Leichtathleten Manfred Germar auf dem dritten Rang. Das ist die bisher beste Placierung einer deutschen Sportlerin bei dieser Wahl.

Schon einmal hatten ihre bayerischen Landsleute im engeren Kreise bei einer Zeitungsabstimmung Heidi zur besten Sportlerin erkoren. Das war 1957, als das damals 19jährige Mädel mit dem lustigen schwarzen Haarschopf und den steingrauen Augen in Paris Vizeweltmeisterin geworden war.

Heidis Erfolg glich einer Sensation. Sie durchbrach die Phalanx der starken Russinnen mit ihrer eleganten Klingenführung, ihren blitzartigen Linkshand-Angriffen und den überraschend kommenden Riposten. Für die russischen Fechterinnen, die mit Alexandra Zabelina, Valentina Kisselewa-Rastvorowa und Emma Jeffimowa-Schitnikowa in den letzten Jahren stets die Weltmeisterin stellten, wurde Heidi zum Angstgegner. Durch einen glänzenden Stil, dem aber etwas Maschinenhaftes anhaftete, hatten sich die Russinnen eine Vormachtstellung gesichert. Bei den beiden großen Prüfungen 1960, den Olympischen Spielen, und 1961, der Weltmeisterschaft, jedoch scheiterten sie an einer Einzelgängerin, an einer kleinen Person, die neben ihren starken Nerven (es macht Heidi nichts aus, zwischen zwei Gefechten ein wenig zu „dösen“) eine vollendete Technik besitzt und es versteht, im entscheidenden Augenblick ruhig und doch beherzt zu sein.

Nach der Vizeweltmeisterschaft wurde Heidi 1957 in München in Schokolade aufgewogen, und da sie immerhin schon 125 Pfund schwer war, durfte sie ganze Berge von Schokoladetafeln mit nach Hause nehmen. „Fast genug, um ein Süßwarengeschäft damit aufzumachen“, meinte Heidi. Den größten Teil des süßen Siegespreises stiftete die jur.ge Augsburgerin damals der Jugendabteilung ihres Vereins und den Kindern in einem Waisenhaus.

Als Heidi dann 1960 im Palazzo dei Congressi in Rom Olympiasiegerin geworden war, sagte ihr jemand – etwas banal in solchem Augenblick –: „Das ist doch sicher der schönste Tag Ihres Lebens!“ Heidi zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. „Der größte Erfolg bestimmt, aber der schönste Tag ...? – Nein, das war, als ich auf der Fechtbahn zum ersten Male meine Mutti besiegte.“

Heidi Schmid stammt nämlich aus einer alten Fechterfamilie. Vater Hermann Schmid trainiert noch mit 61 Jahren seine Tochter, die nur gelegentlich durch Fechtmeister Unterricht erhielt. Daß Heidi 1938 in Klagenfurt geboren wurde, wo ihr Vater als Zollkommissar amtierte, ändert nichts daran, daß sie doch eine echte Augsburgerin ist. Auch Mutti Schmid wußte gut die Klinge zu führen, und der 19jährige Hermann jun. zählt zur deutschen Juniorenelite der Fechter.

Wie wenig große Sporterfolge einen jungen Menschen von Charakter aus der gewohnten Lebensbahn reißen können, zeigte sich kürzlich bei der Proklamierung der „Sportler des Jahres“ im Kurhaus von Baden-Baden. Bescheiden, die Augen gesenkt und wie immer fast ein wenig zu verschlossen stand Heidi Schmid auf der Bühne, als sie ihre Ehrengabe erhielt.