Schwer zu sagen, ob bei einer Bilanzierung des Jahres 1961 der Westen an Kraft zugenommen hat oder nicht, ob im östlichen Lager der militärische Machtzuwachs die politische Desintegration wettmacht oder überkompensiert. Aber daß die Neutralen in den vergangenen zwölf Monaten erheblich an Gewicht verloren haben, das steht fest.

Zu Beginn des Jahres war noch manche Hoffnung auf sie gerichtet: Schließlich hatten sie Ende 1960 die brutalen Angriffe Chruschtschows auf Dag Hammarskjöld mutig und einmütig abgewehrt und sich erfolgreich gegen die Einführung des Troika-Systems in der UN gestemmt. Vielleicht – so fragte sich damals mancher Skeptiker – ist doch etwas an dem Dogma der Bündnisfreiheit, und die Protagonisten der Neutralen meinten sogar, daß diese eine objektive, moralische Kraft zwischen den Blöcken darstellten. Aber dann kam Belgrad, das keineswegs repräsentativ für die Bündnisfreien war, weil dort nur 24 der 70 neutralen UN-Mitglieder – und zwar gerade alle linksgerichteten – vertreten waren. Aber die Welt nahm diesen Teil für das Ganze. Und schließlich nahm Nehru, der Hohepriester der Neutralen, auch noch Zuflucht zur Gewalt in Goa.

Seither zeigen alle mit Fingern auf den Erben des gewaltlosen Ghandi, den sie bisher gern als moralisierenden Idealisten abtaten, obgleich er doch schon bei dem gewalttätigen Überfall auf den Nizam von Haiderabad und auch in Kaschmir bewiesen hatte, daß er ein Realpolitiker ist, der die Macht genauso hoch schätzt wie die Großmächte.

Nein, Nehru, Nasser, Nkrumah, sie alle und jeder andere Neutrale auch wollen natürlich Macht. Nur Illusionen können Politikern dies übelnehmen. Was die Neutralen aber nicht wollen, ist, in den Ost-West-Konflikt, in den Kalten Krieg, hereingezogen zu werden. Das ist sozusagen ihre Hallstein-Doktrin, und darum haben sie sich auch in Belgrad nach allen Regeln der Kunst darum gedrückt, in der Frage der Selbstbestimmung für die Deutschen Stellung zu beziehen. Begründung: "Selbstbestimmung fordern wir nur für die Staaten, denen die Souveränität vorenthalten wird", als Mittel also zur Beendigung der überständigen Kolonialepoche; die Teilung Deutschlands dagegen sei eine Folge des Zweiten Weltkrieges und mithin eine Machtfrage zwischen Ost und West, für die die Blockfreien nicht zuständig seien. Eine ebenso logische wie desillusionisierende Feststellung.

Aber niemand wird gern desillusioniert – – "betrogen" nennen Illusionisten das. Und darum ist der Westen böse auf die Neutralen. Der Osten aber fühlt sich zur Zeit so stark, daß er es nicht mehr nötig hat, die Neutralen wie in den Jahren nach Stalins Tod zu umwerben: Moskau läßt die Megatonnenbomben als Begleitmusik zur Belgrader Konferenz explodieren, Moskau setzt dem neutralen Finnland die Pistole auf die Brust, und Chruschtschow schert sich den Teufel um die Sorgen und Wünsche der Neutralen.

Die Zeit, da West und Ost wie gebannt auf die Neutralen starrten, ist mindestens vorübergehend vorbei, obgleich zum erstenmal einer der ihren, der Burmese U Thant, am 30. November 1961 Generalsekretär der UN wurde. Aber auch die UN bedeutet am Ende des Jahres 1961 nicht mehr so viel wie zu dessen Beginn.

Bleibt noch nachzutragen, daß sich unter den neuen Staaten Afrikas im Laufe des Jahres 1961 zwei Richtungen herauskristallisiert haben: Die Gruppe der sieben Casablanca-Staaten, die verhältnismäßig weit links stehen, und die Monrovia-Gruppe die sich schon im Dezember 1960 in Brazzaville zusammenfand. Zu ihr gehören alle ehemaligen französischen Gebiete, bis auf Guinea, das trotzig aufbegehrte und seine Hilfe beim Ostblock suchte, dessen Bevormundung ihm aber inzwischen bereits auf die Nerven fällt. Gerade eben zum Jahresschluß wurde der sowjetische Botschafter als persona non grata ausgewiesen – woraus denn hervorgeht, daß die Neutralen auch für den Osten keine reine Freude darstellen.

Marion Gräfin Dönhoff