Von Peter Bürger

Für den literarisch gebildeten Franzosen ist Jean Racine (1639–1699) der Klassiker par excellence. Neben Pascal hat er sich am lebendigsten im literarischen Bewußtsein Frankreichs erhalten, auch in der literarischen Kritik und im Theaterleben (man denke nur an das Phedre-Buch Barraults).

Trotz der Bemühungen Karl Vosslers und Rudolf Alexander Schröders ist Racine in Deutschland noch heute so gut wie unbekannt. Es herrscht eine frappierende Diskrepanz zwischen dem Eifer, mit dem wir jede literarische Neuerung aus Paris aufnehmen, und dem Mangel an Interesse, das wir den Quellen dieser Literatur gegenüber an den Tag legen.

Nicht zu Unrecht hat man von einer geringen Affinität des Deutschen zum Klassischengesprochen. Aus romanischer Sicht erscheinen unsere Klassiker als Romantiker, und Schillers „Wallenstein“ gehört zu den wesentlichen Anregern des Dramas der französischen Romantik. In Deutschland bleibt Klassik etwas Isoliertes, hohe Anstrengungen einzelner. Auch kehren die deutschen Dramatiker nach ihren klassizistischen Versuchen gern zur „offenen Form“ zurück. In Frankreich dagegen gibt es von Mairets „Sophonisbe“ und Corneilles „Cid“ bis zu Hugos „Cromwell“ – also fast 200 Jahre lang – eine kontinuierliche Produktion klassischer Stücke.

Doch mit diesem Hinweis allein läßt sich die spröde Aufnahme Racines in Deutschland nicht erklären. Ein literarisches Urteil oder Vorurteil hat seine Geschichte. Es bewußt machen heißt, eine neue Grundlage des Verstehend schaffen.

Gottscheds Versuch mißlang. Die Stunde einer Aufnahme Racines war noch nicht gekommen. Indem er allein die formale Vollendung beachtete, bleibt er unempfindlich für den tragischen Gehalt der Racineschen Dramenwelt: Seine Iphigenien-Übersetzung läßt das deutlich erkennen.

Gottsched sieht Racine allein im Zusammenhang seiner Reformbestrebungen. Er will der deutschen Theatermisere ein Ende machen und benutzt dazu die französische Klassik als Mittel. Das Werk Racines interessiert ihn nicht um seiner selbst willen, sondern nur insofern, als es dazu dient, das deutsche Theater gesellschaftsfähig zu machen.