Blick zurück im Zorn – auf den ersten Blick scheint dieses Wort für den Chronisten der deutschen Innenpolitik im Jahre 1961 das einzige taugliche Motto zu sein. Wurden nicht zwei Drittel des Jahres an einem fast selbstmörderischen Wahlkampf verschwendet? Und das letzte Drittel – wurde es nicht vertan in dem Bemühen, aus dem Wahlergebnis die falschen Konsequenzen zu ziehen?

All dies geschah in einem Jahr größter außenpolitischer Spannungen, zu einer Zeit, da unsere Verbündeten sich nichts sehnlicher wünschten alseine handlungsfähige deutsche Regierung.

"Warum sollten wir nicht Erfolg haben?" erklärte zu Beginn des Jahres einer der führenden CDU-Wahlstrategen. "Wir gehen mit Adenauer in den Wahlkampf. Und von Adenauer abgesehen: 1957 wählten die Deutschen CDU, weil sie nichts verlieren wollten. Heute wird in der Bundesrepublik mehr verdient als je zuvor, und die Menschen haben noch mehr zu verlieren." Entscheidend an diesem Ausspruch war nicht die Überzeugung, daß die Mehrheit so oder so CDU wähle, sondern die unverfrorene Einschätzung ihrer Motive. Wer den Bürgern den ungestörten politischen Schlaf garantiert, der hat sie auf seiner Seite, so dachten die großen Parteien. Und also verfuhren sie: Setzt nichts aufs Spiel!" tönte es von der CDU; "Nicht anders, aber besser schallte es von der SPD zurück.

Freilich geisterten zwischen den beiden Fixsternen am politischen Himmel der Bundesrepublik, der CDU und der SPD, noch manch andere Zwerg-Planeten und Miniatur-Kometen. Strahlend ging der Stern der FDP auf. Viele jedoch, die sich weise gedünkt hatten, als sie ihm folgten, meinten später, sie seien von einem Irrlicht genasführt worden. Mit helleuchtendem rötlichem Schweif tauchte die DFU auf; die Astronomen traten staunend vom Fernrohr zurück und konstatierten: Die große Überraschung! Aber als die Wähler an die Urne gingen, war ihnen der neue Stern schon schnuppe.

Da gab’s ferner die GDP, entstanden aus der DP, einem CDU-Trabanten, der aus der Bahn geraten war und mit dem BHE kollidierte. Ernsthafte Beobachter wollen tatsächlich eine Zeitlang einen Doppelstern mit schwarzweißrotem Schweif gesehen haben. Am Wahltag freilich war’s nur noch ein kleines Sternchen, und am Jahresende waren auch nur noch Trümmer übrig. Kundige Sterngucker wollen auch noch, ganz fern und klein, aber mit hartem metallischem Licht, die DRP gesehen haben; über deren eigenartig geformten Schweif schwiegen sie freilich, um Beleidigungsklagen zu vermeiden. Der Wähler indes hat weder Stern und Schweif bemerkt, und auch die Nachricht, die DRP habe sich gespalten, weckte kaum Aufmerksamkeit. Wenn fast nichts sich von fast nichts spaltet, was bleibt dann übrig?

Wahlkampf also, unbekümmert und von provinziellem Zuschnitt. Doch dann ging das große Erschrecken durchs Land: Am 13. August begann Mars, der Kriegsstern, gefährlich zu funkeln. In des deutschen Michels Schlaf dröhnten die Panzer, die in Ostberlin übers Pflaster rasselten, und an der Sektorengrenze wuchs die Mauer, die Deutsche von Deutschen trennt. Wohlstand und Ruhe – wie blaß und verlegen klangen diese Worte nun!

Bei der SPD merkte man’s schnell. Willy Brandt, ihr Kanzlerkandidat, der Regierende Bürgermeister von Berlin, wurde der Mann der Stunde, indes Konrad Adenauer noch verbissen nach dunklen Punkten in der Vergangenheit seines Gegners suchte, die keinen mehr interessierten. Die dramatische Endphase des Wahlkampfes begann.