Von Joachim Joesten

Was der Zweiten Internationalen Seerechtskonferenz, die im Frühjahr 1961 in Genf ergebnislos tagte, nicht gelang, ist inzwischen weitgehend im Wege stiller Übereinkunft zwischen den unmittelbar beteiligten Ländern Wirklichkeit geworden. Eine Reihe von Regionalabkommen, die im Laufe der letzten Monate teils abgeschlossen, teils erst einmal eingeleitet wurden, weist den Weg in die Zukunft auf einem seit Jahrhunderten heiß umstrittenen Gebiet des Völkerrechts: der Frage nämlich, in welcher Entfernung vom Lande die Küstengewässer eines Staates aufhören und die hohe See beginnt.

Den Anstoß zu der bedeutsamen Entwicklung, die auf eine Ausdehnung der Hoheitsgewässer von bisher drei auf zwölf Seemeilen hinausgeht, haben die nordischen Länder gegeben. Den Präzedenzfall schuf ein Abkommen, das im Februar 1959 zwischen Großbritannien und Dänemark über die Fischereirechte in den Territorialgewässern der Inselgruppe Färöer getroffen wurde.

Bis dahin hatte England, ebenso wie die Vereinigten Staaten, die Bundesrepublik, Frankreich, Italien und andere führende Seemächte, beharrlich an dem Prinzip der Drei-Meilen-Grenze festgehalten und alle darüber hinausgehenden Ansprüche, die teils von der Sowjetunion, zum Teil aber auch von den skandinavischen Staaten oder den Entwicklungsländern ausgingen, grundsätzlich abgelehnt.

In dem die Färöer betreffenden Vertrag mit Dänemark ließ sich England, das damals wegen eines ähnlichen Interessenkonfliktes in schwerem Streit mit Island lag, dazu herbei, den färöischen Fischern (die, im Rahmen einer gewissen Autonomie, dänische Staatsangehörige sind) das Recht der ausschließlichen Fischerei innerhalb einer Seche-Meilen-Zone vom Lande zuzugestehen. Darüber hinaus wurde vereinbart, daß auch eine Anschlußzone von weiteren sechs Seemeilen im Prinzip als färöisches Fischereireservat gelten solle, daß jedoch die britischen Fischer innerhalb dieses Seegebiet es ihre traditionellen Fischereirechte unter Wahrung gewisser Regeln zum Schutz des Fischbestandes vorläufig weiter ausüben dürften.

Mit dieser Übereinkunft wurde eine entscheidende Bresche in das bisher allgemein gültige (von der Sowjetunion und einigen lateinamerikanischen Ländern allerdings nicht anerkannte) Recht der Drei-Meilen-Grenze geschlagen. Denn nun erhoben auch andere Länder, insbesondere Norwegen, Anspruch auf Ausdehnung ihrer Hoheitsgewässer, und Island, das sich schon vorher aus eigener Machtvollkommenheit eine Seegrenze von 12 Meilen gegeben hatte, verschärfte seinen Kampf gegen die britischen Trawler, die auf ihren althergebrachten Fischereirechten in den isländischen Gewässern bestanden.

Wenn auch die Zauberformel „6 + 6“ (d. h. eine Ausdehnung der Hoheitsgewässer von bisher drei auf sechs sowie der Fischereigrenzen auf insgesamt 12 Seemeilen) nicht von den Färöern erfunden wurde – sie hatte schon in den Diskussionen der Ersten Internationalen Seerechtskonferenz von 1958 eine gewisse Rolle gespielt –, so ist sie doch durch das britisch-dänische Abkommen vom Frühjahr 1959 zum erstenmal in die Wirklichkeit umgesetzt worden. Und es sollte sich bald zeigen, daß ihre erste Anwendung im kleinsten Maßstabe (denn, im Rahmen der Weltwirtschaft spielt die färöische Fischerei natürlich keine allzu große Rolle)) die weitere Entwicklung maßgeblich beeinflußt hat.