Das Börsen jähr 1961 war ein Jahr der zerstörten Illusionen! Viele Wertpapierbeskzer haben zum ersten Male lernen müssen, daß Aktien tatsächlich Risikopapleie sind. Diese Feststellung hatten sie bislang bestenfalls in Fachbüchern über die Wertpapieranlage gelesen, ohne aber so recht daran zu glauben. Denn in den Jahren bis 1961 war die Aktie fast ausschließlich ein Instrument gewesen, mit dessen Hilfe man ziemlich mühelos seinen Besitz mehren konnte. Aber noch zu keiner Zeit sind die Börsenkurse in den Himmel gewachsen. Hausse und Baisse haben sich in den Börsensälen stets abgelöst. Und esbesteht auch die berechtigte Aussicht, daß die gegenwärtige Periode der Unsicherheit eines Tages wieder weichen wird. Aber wann wird das sein? Das fragen sich nicht nur die interessierten Wertpapiersparer, sondern noch viel mehr die sogenannten Experten, vor allem solche, die versuchen, in der "Tagesspekulation" ihr Geld zu verdienen.

Erfreulich ist, daß die große Masse der eigentlichen Aktien"sparer" — und dazu kann man auch die Besitzer von Investment Zertifikaten rechnen — die Erschütterungen der Börse in guter Verfassung überstanden hat. Ihrer Zuversicht ist es im wesentlichen zu verdanken, daß es zu keiner Zeit zu einer Börsenpanik kam. Die Volksaktiensparer haben sich als wesentlich, tendenzunempfindlicher erwiesen, als zunächst befürchtet worden war. Allerdings konnten die Erstzeichner von Preussag- und Volkswagenwerk Aktien sich auch an den schwächsten Börsentagen stets noch einen Kursgewinn ausrechnen. Das Gefühl zumindest rechnerisch an der"Aktienanlage Geld verloren zu haben, brauchten sie also nicht kennenzulernen. Die gute Erfahrung, die in der Vergangenheit mit den "Volksaktionären" gemacht worden ist, : sollte die Bundesregierung ermutigen, in der Privatisierung von Bundesvermögen fortzufahren. Ob allerdings die Kursgeschenke in jedem Fall so groß sein müssen, wie dies bei den VWAktien der Fall war, wird jedoch zu überlegen sein, so lange nur ein Teil der Bevölkerung an diesem "Segen" teilhaben darf und weite Kreise ausgeschlossen bleiben Wenn wir nun auf den Börsenverlauf der vergangenen zwölf Monate zurückblicken, dann wird deutlich, daß die Hausse um die Jahreswende 196061 bereits im Auslaufen war. Am 31. Dez. 1960 lag das Kursniveau schon um rund 13 bis 14 °o unter dem Jahreshöchststand, von 1960, der gleichzeitig der Nachkriegshöchststand war. Allerdings wurde damals noch die Abschwächung in der Regel nur als eine vorübergehende Erscheinung angesehen, hervorgerufen durch politische Störungen (auch in jenen Monaten spielte die Berlin Krise bereits eine Rolle). Das war eine Fehleinschätzung, die jedoch deshalb verzeihlich war, weil in der Wirtschaft noch alles glatt lief, die Kapazitäten voll ausgelastet waren und die Auftragsbestände von Monat zu Monat wuchsen. Das Frühjahr brachte dann eine Serie hervorragender Abschlüsse, verbunden mit Dividendensteigernngen, Ausgabe von Berichtigungsaktien und Kapitalerhöhungen zu günstigen Ausgabekursen. Die Prognosen der Unternehmen waren durchweg hoffnungsvoll, so daß man der "politischen Baisse" mit Ruhe begegnen zu können glaubte. Nach cfern Motto: Politische Börsenschwächen pflegen schnell vorüberzugehen. Man soll sie ausnutzen, um billig "einzusteigen". Danach ist im vergangenen Jahr kräftig gehandelt worden — bis niemand mehr über flüssige Mittel verfügte. Doch die Kurse fielen weiter.

Woran lag das? Zunächst einmal nahm dieBerLnKrise einen unvorhergesehenen Verlauf. Die Hoffnungen, die man sich von dem Wiener Treffen Kennedy Chruschtschow gemacht, hatte, gingen nicht in Erfüllung. Statt der erhofften Entspannung trat eine zunehmende Verschärfung ein. Den ausländischen Kapitalanlegern wurde plötzlich iie politische und militärische Randsituation der Bundesrepublik bewußt. Wir galten nicht mehr tls ein sicherer Hort für das internationale Fludtkapital. Die ausländische Spekulation verkaufte deutsche Aktien, was ihr um so leichter fiel, ils die Währungsspekulation mit der Aufwertung cer D Mark ihr Ende gefunden hatte Übrigens haben nicht alle ausländischen Besitzer deutscher Aktien einen Aufwertungsgewinn kassieren können; denn mit der vollzogenen Aufwertung wurden die deutschen Aktienkurse schlagartig um durchschnittlich 5 % heruntergesetzt.

Verdeckt durch die politischen Ereignisse vollzog sich im wirtschaftlichen Bereich ein Wandd. Er wurde kaum beachtet, und wenn überhaupt bemerkt, dann bagatellisiert. Tatsächlich ist im vergangenen Jahr der konjunkturelle Höhepunkt überschritten worden. Das wurde zuerst in der Eisen- und Stahlindustrie spürbar, wo die Auftragseingänge rückläufig waren und sich eine geringere Kapazitätsausnutzung abzeichnete. In anderen Bereichen der Industrie vollzog sich ehe ähnliche Entwicklung. Der Wettbewerb wurle härter, nicht zuletzt eine Folge der DM Aufwcrtung, die — insgesamt gesehen — den Export erschwert hat, auf alle Fälle an den Gewinnmargen zehrt. Es wird weniger verdient! Die Selbstfinanzierung ist eingeengt, und damit auch das Wachstum der einzelnen Unternehmen. Der Wachstumsgedanke, der jahrelang die Anleger fasziniert hatte, spielt eine geringere Rolle. Das veränderte Wirtschaftsklima und das verlangsamte Wachstum führten auf verschiedenen Gebieten zu einer "Bereinigung". Wo allzu leichtfertig finanziert worden war, mußten schmerzliche Schnitte vorgenommen werden. In den meisten Fällen geschah das geräuschlos. Pleiten wie Borgward in Bremen waren Ausnahmen. Aber auch dort, wo man rechtzeitig für Polster gesorgt hatte, mußte "gehandelt" werden. Das heißt, die Polster wurden angegriffen. Mancher Unternehmer, der in der Vergangenheit einen Teil seines Kapitals in Aktien angelegt hatte (sie brachten oftmals eine bessere Gewinnmarge als der Betrieb selbst), sah sich veranlaßt, die Depots zu liquidieren oder zu vermindern, um seine Investitionen zu finanzieren. Angesichts der ständig rückläufigen Aktientendenz bestand überdies keine Veranlassung, an den Papieren festzuhalten. Die Bereinigung fand aber auch noch an anderer Stelle statt. Während der Hausse Zeiten hatten es sich viele Leute angewöhnt, Aktien auf Kredit zu kaufen. Denn angesichts der erzielbaren Kursgewinne fielen die Kreditzinsen nicht ins Gewicht. Auf Kredit wurde aber auch noch gekauft, als es im vergangenen Jahr bereits abwärts ging. Man spekulierte auf eine schnelle Rückkehr zu den Höchstkursen. Als die Notierungen sich dann anschickten, "in den Keller" zu gehen, drängten die Banken auf Abdeckung der Kreditengagements, denn die Depots reichten oftmals als Sicherheit nicht mehr aus, Zwangsverkäufe in einer 7 eit schwacher Tendenz waren die Folge. Schmerzliche Verluste traten ein! Auch die Börsenabteilungen der Banken, der Natur nach optimistisch, haben mit den Wertpapierbeständen der Institute nicht immer glücklich operiert. Sie mußten in diesem Jahr Lehrgeld zahlen! Ob es nun tatsächlich Lehrgeld gewesen ist, wird sich in der. Zukunft erweisen. Die politische und wirtschaftliche Gegenwart fordert eine nüchterne, illusionslose Bestandsaufnahme geradezu heraus. Von drei Seiten her werden die Aktienkurse — auch in normalen Zeiten — beeinflußt: l. Politik. 2. Konjunktur. 3. Ertragslage des einzelnen Unternehmens. Wer versucht, Klarheit über die Börsenentwicklung des Jahres 1962 zu erlangen, wird sich zwangsläufig mit diesen drei Hauptfaktoren auseinandersetzen müssen. In der Politik ist alles in Bewegung. Niemand, selbst die Leute, die an den Fäden, ziehen, werden heute schon den Gang der Dinge im voraus bestimmen können.

Wir müssen uns darauf einstellen, daß Chruschtschow die Daumenschraube Berlin wieder in Bewegung setzen wird. Man kann sich aber vorstellen, daß die Auswirkungen auf die deutschen Aktienkurse künftig nicht mehr so katastrophal sein werden wie im Jahre 1961. Wallstreet Kreise argumentieren so: "Der Westen kann weder auf das wirtschaftliche noch auf das militärische Potential der Bundesrepublik verzichten. Ein östlicher Angriff auf die Bundesrepublik bedeutet Atomkrieg. Dann ist es ziemlich gleichgültig, wo wir investiert haben. In den USA, in Kanada oder in Westeuropa. Folglich können wir das politische Risiko aus unseren Anlageerwägungen weitgehend streichen — Dies gilt natürlich so lange, wie die Bundesrepublik fest in der NATO verankert ist. Gelingt es den Sowjets, die Bundesrepublik über einen Berlin Kompromiß aus der NATO herauszubrechen, dann sind die wirtschaftlichen Folgen für die Bundesrepublik nicht abzusehen. Kommt es allerdings im Laufe dieses Jahres in Sachen Berlin zu einem Kompromiß, der unsere eigene Sicherheit unangetastet läßt, dann wäre eine politische Freuden Hausse (für eine begrenzte Zeitdauer) durchaus möglich.

Bei allen Sorgen über die weltpolitische Entwicklung darf man künftig weniger denn je die wirtschaftliche Situation außer acht lassen. Die zur Jahreswende üblichen "Ausblicke" sind diesmal überwiegend inAo gehalten. Zu einem Teil hat das taktische Gründe. Die Gewerkschaften haben eine große Lohnoffensive angekündigt. Harte Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer stehen bevor. Sie werden damit enden, daß die Arbeitgeber Zugeständnisse machen müssen. Da es die allgemeine Situation nicht erlaubt, die höheren Kosten voll auf die Preise abzuwälzen, werden die Unternehmergewinne weiter geschmälert. Der Aktionär wird das noch nicht in den Dividenden spüren, aber er wird dies bei einer sorgfältigen Analyse der Bilanzen der Gewinn- und Verlustrechnungen feststellen können. Eine zusätzliche Belastung für die exportorientierte westdeutsche Wirtschaft könnte sich durch Abwertungen von Pfund und Dollar ergeben. Von den zuständigen Stellen werden solche Manipulationen zwar als völlig ausgeschlossen hingestellt. Wir wissen aber, daß sich die Wirtschaft in Währungsfragen eine eigene Meinung bilden muß, denn Regierungen und Notenbanken werden stets bis zuletzt Paritätenänderungen, als abwegig hinstellen müssen. In diesen Fragen ist ihre Glaubwürdigkeit eben sehr begrenzt. Jedenfalls würden Abwertungen unserer großen Exportkonkurrenten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erheblich einengen. Das müßt zwangsläufig auch in den Aktienkursen in Erscheinung treten.

Nun gibt es viele Leute, die hoffen, daß im Zuga dieser Abwertungsbefürchtungen vermehrt heißes Geld in die Bundesrepublik einströmen würds und daß die sich steigernde Liquidität eine "Befruchtung" der Aktienkurse zur Folge hätte. Aber ist diese Rechnung richtig? Schon heute geht die internationale Währungsspekulation wieder in die D Mark, aber sie scheut diesmal den Schritt in die deutschen Wertpapiere, weil sie inzwischen erkannt hat, daß es sehr viel risikoloser ist, sich min einem etwaigen Währungsgewinn zu begnügen, als zu versuchen, diesen durch erfolgreiche Aktienspekulationen zu vermehren.