Die Geschichte von Judas ist bekannt: Der Preis für ein Menschenleben betrug damals 30 Silberlinge, ganz redlich ausgehandelt – kommerziell gesehen.

Die neueste Rechnung eines Statistikers des Grauens wurde kürzlich veröffentlicht: Danach ist ein 12 000facher KZ-Mörder von einem deutschen Strafrichter gegen eine. Kaution von 12 000 Mark freigelassen worden – pro Menschenleben, das er auf dem Gewissen hat, eine Mark. Der Kopfpreis zeigt also für jene Zeit des Dritten Reiches, mit dem Judaslohn verglichen, inflatorische Tendenzen – kommerziell gesehen.

Wie tröstlich ist es da, durch eine Mitteilung aus den letztenTagen von einer gewissen Aufwertung auf diesem Markt zu erfahren. In Erinnerung an verschiedene Taximorde der vergangenen Monate hat die Gewerkschaft ÖTV jetzt dem Bundesverkehrsministerium vorgeschlagen, alle Droschkenbesitzer kraft eines Gesetzes zur Ausstattung ihrer Wagen mit ausreichenden Schutzvorrichtungen zu zwingen, weil es in den letzten drei Jahren nicht möglich gewesen sei, sie auf freiwilliger Basis dazu bereit zu finden. Zwar entwickelte bereits eine Stuttgarter Autofabrik ein solches Sicherheitstaxi – der Fahrersitz ist mit kugelsicherem Glas vom Fahrgastraum getrennt –, aber die Unternehmer wollten bisher nicht so recht an diese Neuerung heran (die in vielen anderen Ländern längst keine Neuerung mehr ist). Der Fahrgast, so wendeten sie ein, fühle sich dann in ein Abteil eingeschlossen (aber wie vielen Fahrgästen, nicht nur verliebten jüngeren, wäre diese Wahrung der Intimsphäre nicht willkommen?); das Fahrgastabteil, so heißt es, werde außerdem beim Einbau einer Sicherheitsscheibe zu klein (aber wer will schon im Taxi gemütlich verreisen?), und schließlich könnten sich dieFahrgästebeim schnellen Bremsen den Kopf verletzen.

Forscht man indessen noch weiter der Frage nach, warum die Droschkenbesitzer trotz wiederholter großer Lamentos nach jedem Taximord sich noch immer nicht zu solchen Vorkehrungen wie schußsicheren Trennscheiben entschlossen haben, dann kommt das ganze verzwickte Elend der Unternehmer zutage. Sie sagen, durch eine solche Spezialkonstruktion entstehe im Falle eines späteren Wiederverkaufs an Privatleute eine nicht unbeträchtliche Wertminderung des Wagens.

Da ist es also heraus: Den Preis eines Menschenlebens macht für sie der Einbau einer Sicherheitsvorrichtung plus Wertminderung beim Wiederverkauf (nach jeweiliger Marktlage) aus, etliche hundert Mark, und gute Kalkulatoren unter ihnen versichern, sie hätten dabei alle Faktoren einberechnet – kommerziell gesehen.

So etwas muß natürlich gründlich durchkalkuliert werden. Den Preis der langen Zeit jedoch, die offenbar dafür notwendig ist, müssen inzwischen die Taxifahrer weiterhin zu zahlen riskieren – und nicht immer nur kommerziell gesehen. o. f.