Natürlich bin ich nicht abergläubisch. Aber bei Neumond drehe ich mein Geld immer dreimal um. Denn das kann nie schaden.

Ich komme nur so darauf, weil ich kürzlich eine Nacht bei irischen Freunden verbrachte und auf dem Tischchen neben dem Bett die neu erschienene „Encyclopaedia of Superstitions“ vorfand. Die Ethnologin Christina. Hole stellte diese Sammlung in jahrelanger Arbeit zusammen. Für Kelten und Angelsachsen wurde damit dem dringenden Bedürfnis abgeholfen, die alten Riten nicht der Vergessenheit preiszugeben. Das gilt besonders für unsere Zeit, in der Konversation und Druckerschwärze sich viel zu sehr mit nuklearer Spaltung beschäftigen. Wir sehen ja, wohin uns die Physik gebracht hat. Was wir brauchen, ist Metaphysik!

Da las ich also bis tief in die Nacht hinein, was man so alles bei sich tragen sollte, um gegen alle Unbill gefeit zu sein. So ist eine Maulwurfpfote ganz unerläßlich, damit man von Krämpfen verschont bleibt. Der Wolfsknochen in der Westentasche vertreibt Husten, und eine halbe Zwiebel schützt unbedingt vor Schlangenbissen. Wenn man dazu noch eine Knoblauchzehe zu sich steckt, entwickelt diese bei der Körperwärme magische Kräfte und wehrt Krankheiten ab und Haifische.

Jetzt erst ist mir klar, weshalb es im Gedränge der U-Bahn oft nach Zwiebelgewächsen riecht.

Man sollte auch eine Schnecke im Haus halten, die nur mit Salbeiblättern genährt wird. Die Tierchen sind außerordentlich nützlich. Wenn man Warzen hat, läßt man sie bei aufgehendem Mond darüber kriechen – und weg ist die Warze. Und mein Arzt, der bei seinen Patienten alle möglichen teuren Medikamente und Kurzwellentherapien verwendet, läßt seine eigenen Warzen nur von einem alten Kräuterweiblein besprechen.

Der Glaube an Feen und Kobolde in Irland besteht auch heute noch in einem Umfange, der Besucher immer wieder in Erstaunen setzt. Vor einigen Monaten fand in Dublin eine Stadtratssitzung über die Weiterentwicklung eines Vororts statt. Da der Bauplan auch die Bebauung eines Hügels vorsah, wurde festgestellt, daß dieser Hügel seit alten Zeiten den Feen und Kelpies als Tanzplatz vorbehalten war. Nach tagelanger Beratung waren sich die Stadtväter einig. Der Hügel bleibt frei. Wo sollten denn die Feen sonst tanzen?

Den Hexen hat die Enzyklopädie viele Seiten gewidmet. Zu meinem Erstaunen las ich da, Hexen brauchten keineswegs alt und häßlich zu sein. Die Gefährlichsten seien sogar die Hübschesten. Wenn ich mir’s so recht überlege: Ich kenne eine sehr charmante Dame, die könnte wohl eine Hexe sein. In ihrem Zimmer hängt ein Bild „Der Blocksberg aus der Vogelschau“. Auch hat sie ein ziemliches Assortiment von Besen in der Garage stehen. Die Enzyklopädie behauptet allerdings, seit die Besen Nylonborsten haben, wären Hexen stark in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt. Es geht eben nichts über die mit Reisig gebundenen Besen, sie waren bedeutend schneller.