Als in Nachbars Mülleimer die OAS-Höllenmaschine explodierte – Pariser Impressionen

Von Josef Müller-Marein

Paris, im Dezember

Plötzlich, um Mitternacht, war unsere schmale Straße voller Glasscherben. Die Autos, die auf der gegenüberliegenden Seite unseres Hauses parkten, sahen wie gezuckert aus, und einigen fehlte das Verdeck. Staubwolken durchzogen die nächtliche Rue de l’Echaudé, und kaum ein Haus hatte noch Fensterscheiben. Zuerst war panische Stille, dann hörte man Schritte auf dem knirschenden Glas, mit dem das Pflaster bedeckt war, viele Schritte. Und dann war die Straße voller Menschen. Es waren wohl an die tausend junger Leute. Sie waren vom Boulevard St. Germain hierhergerannt, sobald sie den großen Bums vernommen hatten. Es war ein unheimliches Gebrodel von Stimmen, aus denen ein Sprechchor wurde, dessen Echo prächtig von den alten Fassaden unserer Straße widergegeben wurde.

„OAS, assassins... OAS, assassins: Mörderbande OAS!“

Feuerwehrmänner waren zuerst zur Stelle, obwohl es nicht brannte. Als die Polizei erschien, rief der Sprechchor: „Police complice.“ Den Polizisten war nicht vorzusehen, ob sie sich ärgerten. Sie warteten wohl auf Verstärkung, die dann auch schließlich mit Überfallkommandowagen eintraf, worauf sich ein Teil der Menge, sozusagen ein Sprech-Kammerchor, darauf beschränkte, den Staatschef der Komplicenschaft mit den Faschisten von der OAS zu bezichtigen: „De Gaulle... complice! de Gaulle... complice!“

Das war nicht fein, und so nahmen die Polizisten die Gewehre und Maschinenpistolen von den Schultern und die Knüppel aus dem Sack, so daß die Menge unter vielen häßlichen, schier unübersetzbar scharfen Ausdrücken zurückwich. An beiden Zugängen der Straße wurden jetzt Gitter aufgestellt. Und wir waren abgesperrt. So hatte der große Schlag allerhand Veränderungen mit sich gebracht.