Ein Rückblick auf das „ruhige Sportjahr“ 1961

Von Heinz Maegerlein

Man hat es sich bei uns – und nicht nur bei uns! – mehr und mehr angewöhnt, beim Rückblick auf ein Sportjahr ausschließlich mit Zahlen zu operieren. Hat das Jahr viele neue Rekorde und eine Hochflut internationaler Veranstaltungen gebracht, dann war es ein „großes“ Sportjahr. Bei diesem Aspekt versteht sich, daß Jahre, in denen Olympische Spiele oder zumindest Weltmeisterschaften in zahlreichen Sportarten stattgefunden haben, von vornherein für besonders bedeutend gehalten werden.

Nun geben aber Sekunden, Meter und Punktzahlen selbst in ihrer größten Häufung noch lange keine Antwort auf die Lebensfragen des Sports. Der Sport, seine Bedeutung und sein Wert für die Allgemeinheit lassen sich nun einmal nicht an den Höchstleistungen einzelner Menschen ablesen. Dies gilt besonders für uns in Deutschland, in diesem dem Sport gegenüber so merkwürdig wenig aufgeschlossenen Land, in einem Volk, in dem die Mehrzahl der Intellektuellen dem Sport zumindest gleichgültig, häufig ablehnend und bisweilen gar eindeutig feindlich gegenübersteht, wie es sich bei den oft recht gehässigen, die Wahrheit verfälschenden Betrachtungen während und nach den Olympischen Spielen von Rom wieder gezeigt hat. Hier ist es sehr viel wichtiger, am Ende eines Jahres Überlegungen darüber anzustellen, ob die Jugend in den Schulen mehr als früher an den Sport herangeführt wurde und ob mehr Erwachsene mehr Sport getrieben haben, als zu registrieren, wie viele Rekorde aufgestellt und welche internationalen Erfolge erzielt wurden.

In diesem Sinne aber ist 1961 leider bei uns ebensowenig ein „großes“ Sportjahr gewesen wie die Vorjahre. Während wöchentlich drei bis zehn Sportstunden in den Schulen der Länder um uns herum längst wenigstens in der Jugend für einen gewissen Ausgleich zur immer mehr um sich greifenden gesundheitsschädlichen Bewegungsarmut unseres technisierten Zeitalters sorgen, stehen wir mit nur zwei Turnstunden, die noch dazu häufig ausfallen – Latein und Mathematik fallen fast nie aus! – noch immer kläglich da. Schlimmer noch sieht es in vielen Volksschulen aus, und wahrhaft alarmierend ist die Situation in den Berufsschulen.

Sport für jedermann

In den Turn- und Sportvereinen, deren Arbeit für das Volksganze von den staatlichen Stellen zwar 1961 bisweilen beachtet, aber noch immer wenig unterstützt wurde – erst ganz am Ende des Jahres schien sich eine Wandlung anzubahnen –, hat man hier und da gute Ansätze gesehen, den sogenannten „zweiten Weg“ zu betreten, d. h. den Versuch zu machen, Menschen an den Sport und an das Spiel heranzuführen, die bisher, abseits standen. Aber man ist sich doch überall darüber einig, daß nur in Ausnahmen bislang Erfolge zu verzeichnen waren. Ähnlich steht es mit den Versuchen anderer Stellen, z. B. kommunaler, den „Sport für jedermann“, den „Sport der offenen Tür“ einzuführen. Häufig, ja meistens, sind die Menschen, denen man die Tür öffnen wollte, gar nicht gekommen, sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil sie nie, auch in ihrer Jugend nicht, an sich selber erfahren haben, welche Freude und welche Steigerung des Lebensgefühls ein froher Sport schenken kann.