Von Johannes Jacobi

Als der Vorhang aufging, sah man auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses ein schlichtes Spielgerüst: ein verankertes Floß. Im Hintergrund hatte der Maler Hans Werdehausen einen roten Felsengipfel angebracht. Vorn links eine Taucherglocke, rechts ein Käfig. Darin ein gütiger, alter Mann. Dräs heißt er, ist weise und trägt einen grauen („farblosen“) Kittel.

Beriet, ein junges Mädchen mit grüner Jacke, fragt Dräs, ob er „Die Möge für sie habe“. Indessen bedient Beriet in der Bühnenmitte den Schalthebel für die auf- und niederfahrende Taucherglocke. Die Taucher vom Dienst, „Grüne“, bringen manchmal etwas Eßbares mit herauf. Das sind ersehnte, verbotene, verheimlichte Genüsse. Alle haben Hunger. Die offizielle Nahrung wird grammweise verteilt. Wir befinden uns, drei Generationen nach dem Untergang der Erde, auf einem Restkliff. Es ragt aus dem Wasser, in dem mit der Erdkugel die menschliche Kultur ertrunken ist. Heinrich Böll läßt ahnen, daß die utopische Zeit, in der sein erstes Theaterstück spielt, ein nachatomares Zeitalter ist.

Das Häuflein der Übriggebliebenen, genauer: die Nachgeborenen der einst Davongekommenen, also die Spielfiguren des Stücks „Ein Schluck Erde“, sie dienen dem Autor als Demonstrationsobjekte. Seine Endspielsatire zielt auf das Gewissen der Gegenwart. Die Böllsche „Predigt“ läßt sich sehr fabulös, überaus lustig an. Rheinische Vergnügtheit, nicht weit vom Kölner Hänneschen-Theater entfernt, kommt im Parkett des Düsseldorfer Schauspielhauses auf, wenn die Funde der Taucher durch die Oberen, die „Wisser“ identifiziert werden.

Reklameschilder mit der Aufschrift „Trink Zitsch“ und „Trink Titsch“ scheinen den Archäologen Ausdruck von zwei verschiedenen Kunstrichtungen zu sein. Messerscharf folgert die rote „Wienerin“: Unsere ertrunkenen Vorfahren, können nicht sehr intelligent gewesen sein.“ Von einem Kühlschrank mit vollen Milchflaschen wird auf jahrzehntelange Hungersnot zu Erdzeiten geschlossen: Eßwaren mußten in Panzerschränken gehütet werden...

Als das Wort „de-utsch“ entziffert, an eine Wandtafel geschrieben und als „uralt“ gedeutet wird, gibt es im Theaterparkett einen Heiterkeitsausbruch.

Was die „Wisser“ von einem Fernsehapparat halten mögen, konnte ich (in der zweiten Vorstellung) leider nicht verstehen. Der Schauspieler Wolfgang Arps bekam derart das Lachen, daß er seinen Text nicht zu Ende brachte. Hilfreich füllte das amüsierte Publikum durch Szenenapplaus das Loch aus. Sonst hätte der Vorhang fallen müssen. Vom Rang hörte man allerdings einige Buh-Rufe. Ordnungsrufe? Mit dem „söttlichen Ernst“ auf der Bühne war’s während dieser verlachten Szene natürlich vorbei.