Von Peter Demetz

Die Soziologie der Literatur bedarf keiner Verteidigung: um so mehr einer Definition, einer Trennungs- und Scheidekunst, die endlich ein Urteil darüber wagt, was sich unter dem einen Hut der Gesellschaftstheorie der Dichtung zusammendrängt. Nicht alles vermag ja in gleicher Weise fruchtbar zu sein: Proudhon und Marx; Plechanow und Benjamin; instruktive Verlagsstatistiken und Ernst Blochs Enthusiasmus für den Vor-Schein im Kunstwerk, in dem das Totum des totalen (totalitären?) Paradieses aufleuchtet; demoskopische Umfragen über den Lesestoff glücklicher Gartenzwerg- und Musiktruhenbesitzer (1959 hatten 34 % der westdeutschen Bevölkerung niemals ein Buch erstanden und 47% niemals eines besessen); Lucien Goldmann und Hans Mayer; Martin Greiner und Georg Lukács...

Der Zeitgeist, nicht allein der Geist der ZEIT, scheint auf einer Renaissance des Soziologischen zu bestehen: Nun, anstatt die legitimen Forderungen einer an deutschen Forschungsstätten so lange mißachteten Methodik zu ignorieren, wird es besser sein, in jedem konkreten Fall die unabweisbare Frage nach Gültigkeit und Relevanz zu erheben. Was ist, auch in der neuesten Literatursoziologie, ererbter Mythos? Was dient kritischfruchtbarer Einsicht in die künstlerische Leistung? Was ist irrelevante Sammlung nutzloser Fakten? Den neuesten Versuch, diese Fragen bündig und systematisch zu beantworten, unternimmt der Ordinarius der vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Bordeaux

Robert Escarpit: „Das Buch und der Leser“, übersetzt von Guy de Mazières; Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen; 132 S., 15,50 DM.

Der französische Blickpunkt bringt nicht ungeteilten Segen: Die intelligente Schärfe der Polemik gegen hartnäckig überlebende Wissenschaftsmethoden (Biographik, explication de texte) richtet sich vor allem auf den vom glanzvollen Erbe Thibaudets tyrannisierten Universitätsbetrieb Frankreichs; die Polemik verharrt im Provinziellen, weil sie nicht übern Zaun auch in die deutschen und angelsächsischen Provinzen blickt – oder sie tut es nur auf Zehenspitzen.

Merkwürdig, wie Robert Escarpit der Illusion unterliegt, er müßte seinen Kampf für die Literatursoziologie auf eigene Faust durchfechten: er, ganz allein im Lande Madame de Staëls und Hyppolyte Taines, als ob es nicht hüben und drüben vom Rhein, ja hüben und drüben vom Atlantik eine wohlgegründete und kontinuierliche Tradition literatursoziologischer Bemühungen gäbe – hat nicht selbst in Deutschland, wo die gesellschaftliche Lehre von der Dichtung zumeist extra universitatem und in die Diaspora verbannt war, ein Gelehrter und Weltmann wie Wolfgang Kayser kurz vor seinem Tode literatursoziologische Übungen abgehalten und die instruktiven Ergebnisse in seinen Publikationen zugänglich gemacht? Und wenn Robert Escarpit beklagt, er hätte in Amerika einen Strauß mit den „Päpsten des Formalismus“ bestehen müssen, vergißt er nicht, daß dieser sogenannte „Formalismus“ (ich bekenne, einer der Landpfarrer dieser Sekte zu sein) immer daran festhielt, daß gesellschaftliche und politische Indizien für die Text- und Strukturerklärung schriftstellerischer Leistungen außerordentlich fruchtbar sind? Es ist zu spät, die Kontinente der Literatursoziologie noch einmal entdecken zu wollen; es geht jetzt vielmehr um die präzisere Vermessung der langentdeckten Landschaften.

Escarpits wohlgegliederter „Entwurf einer Literatursoziologie“ beschäftigt sich, in drei Abschnitten, mit der Produktion, der Verbreitung und der Konsumtion des Buches; die Aufmerksamkeit richtet sich dabei vor allem auf die pragmatischen Prozesse der Massenkommunikation; ob sich der Kommunikationsprozeß eines Kunstwerkes oder eines populären Romans bemächtigt, ist nicht unbedingt entscheidend.