Von Janusz Oseka

Warschau, im Januar

In einem unserer zoologischen Gärten kam eine Kontrolldelegation des Ministeriums auf die Spur einer merkwürdigen Affäre. Während einer gründlichen Revision im Giraffengehege stellte man fest, daß das linke Ohr einer gewissen Giraffe ein wenig mehr hing als das rechte, eine bei dieser Art von Tieren nie zuvor beobachtete Erscheinung. Man stellte eine Leiter auf und prüfte die Angelegenheit genauer, wobei sich folgender Tatbestand ergab: Das linke Ohr war künstlich aus einem alten Filzpantoffel zurechtgeschustert und mit großer Sorgfalt an den Kopf der Giraffe angenäht worden. Ein derart unverschämtes Vergehen hatte die Kommission bis dahin nie festgestellt.

Die an den Tatort herbeigeholten Vernehmungsfunktionäre, Polizeiphotographen, Daktyloskopie-Spezialisten und Gerichtsveterinäre begannen sofort mit der Untersuchung. Vor allen Dingen stellte man fest, daß die geschädigte Giraffe nicht aus dem Ausland mit dem künstlichen Ohr gekommen sein konnte, das Ohr mußte an Ort und Stelle angenäht worden sein, da man dafür einen papierenen Faden benutzt hatte. Der Zoodirektor erklärte an Eides Statt, daß er, als anläßlich irgendeines Feiertages Transparente an den Giraffenhälsen aufgehängt wurden, noch keinerlei pathologische Veränderungen bei dem Tier bemerkt habe und schon gar nicht ein Ohr aus Filz. Schließlich führte eine neu konstruierte kriminologische Erfindung, der aus dem Westen importierte atomare Polizeidachshund, die Vernehmungsfunktioriäre zu der Hütte des Aufsehers, der die Giraffen betreute. Der arme Mensch war blaß und zitterte vor Angst während seiner Aussage. Er erschien den Beamten auf den ersten Blick ungeheuer verdächtig.

Anfangs machte er den schüchternen Versuch, den Vertretern der Obrigkeit einzureden, daß sich „die Schüler des nahen Gymnasiums ohne sein Wissen das Giraffenohr für den Biologieunterricht besorgt hätten. Bald darauf brach jedoch seine Theorie zusammen, und er bekannte sich schuldig. Als Beweismaterial zog er ein hölzernes Köfferchen unter seinem Bett hervor, dem er einen erstaunlichen Inhalt entnahm: die Reste eines zertrennten Filzpantoffels, ein Schnittmuster aus Zeitungspapier in Giraffenohrform sowie das Ohr selbst, das sorgfältig in ein Taschentuch eingewickelt war. Nachdem er diese Gegenstände gezeigt hatte, fiel er auf die Knie und sagte:

Meine Herren, habt Erbarmen! Es ist wahr, ich habe mir unberechtigt, in der Absicht, mich zu bereichern, das Giraffenohr angeeignet. Doch schuld daran ist auch unsere Presse. Aus den Zeitungen, meine teuren Herren, geht hervor, daß sich dieser und jener zusätzlich ein Sümmchen zu seinem Gehalt zusammenstiehlt; mit einem Giraffenohr würde sich wohl kaum einer zufriedengeben. Bei ihnen spielen meistens Millionen eine Rolle. Ich konnte mich doch nicht von jenen Veruntreuern ökonomisch überholen lassen, denn jeder Beruf gewährt gleiche Rechte. Wäre ich ein bißchen gewitzter, so würde ich im Wohnungsamt oder woanders arbeiten und brauchte mich nicht mit einem Ohr abzuplagen. Ich ging mit dem Ohr von einem An- und Verkaufsladen zum anderen; sogar im ‚Gallux‘ (Spezialgeschäft für westliche Importwaren) versuchte ich mein Glück; ein paar Tage stand ich auch auf dem ‚Schwarzen‘ Markt – doch nirgends wollte man mir für das Ohr einen angemessenen Preis zahlen. Ich machte mich eines Vergehens schuldig, ohne den geringsten Nutzen davon zu haben. Vergebt mir also mit Rücksicht auf meine geringe Lebenserfahrung und den unwesentlichen Schaden, der dadurch dem Staat entstand. Die Besucher des Zoos scheren sich ohnehin wenig um das Material, aus dem das Giraffenohr geschaffen ist.

Schluchzend legte der unglückliche Aufseher sein Geständnis ab. Aber man glaube nicht, daß sie sich erweichen ließen. Zum Teufel, keine Spur! Sie packten ihn in den Gefangenenwagen, und ab ging’s mit ihm hinter Gitter.