Von Peter Mörser

Unter Tumulten wurde kürzlich im Kreise Daun (Eifel) die Gemeindejagd des Dorfes Grees versteigert. Alter Pachtpreis für ein Jahr: 800 Mark; neuer Pachtpreis für das 400 Hektar große Jagdgebiet: 5000 Mark. Der aus Rheydt stammende Pächter ist außerdem bereit, die Wildschäden auf sich zu nehmen; sie kosteten im Jahr vorher 1100 Mark. Der Auktionator zog Proteste und zornige Rufe wie „Wahrer-Jakob-Angebot“ und „Schlachtviehmarkt“ auf sich, als er die Bieter mit folgenden Bemerkungen aufstachelte: „Hier können Sie schießen, was Ihnen vor die Flinte kommt, auch die Zwölf- und Vierzehnender“ (was gelogen war) – „Das Wild wechselt aus den Nachbarrevieren herüber“ (Einladung zu unwaidmännischen Handlungen) – „Unsere Jagd gleicht einem gedeckten Tisch“ (was nicht stimmt). Mit der deutschen Jagd scheint indessen noch viel mehr nicht zu stimmen. Unser Mitarbeiter, der die Spuren dieser offenbar symptomatischen Entwicklung verfolgt hat, berichtet:

Jagd ist im modernen Leben eine Metapher für Umtrieb, Hetze, Herzinfarkt und Proteste des Tierschutzvereins. Oder: Unterteilt man die Deutschen in „Jäger“ und „andere“, so wird man einen ähnlichen Graben der Verständnislosigkeit höchstens zwischen Atomphysikern und „anderen“ finden. Dieser Umstand hat sein Gutes und sein anderes, und ihm zum Trotz sei der Versuch einer Analyse unternommen, zu Nutz und Frommen einer aussterbenden Lebensart, ein vergeblicher Versuch natürlich, aber doch am lohnenden Objekt.

Der „absolute“ Zerfall der Deutschen in Jäger und andere ist um so merkwürdiger, als er anderswo kein Beispiel findet: Selbstverständlich ist jeder Italiener, Franzose, Spanier, Brite oder Skandinavier ein Jäger, gleich, ob er seine Passion vielleicht nur an Staren und Maulwürfen befriedigen kann. Die Folgen liegen auf der Hand: die Tiere sind ausgerottet. Jagd ist in diesen Ländern nur noch dort mehr als Traum-Klischee, wo Reste alter Feudalprivilegien gewahrt blieben. Die „sozialisierte“ Traumklischeejagd vermag ihre Funktion als psychisches Laxiermittel in vielen Fällen durchaus zu erfüllen, sogar bei völligem Mangel an belebter Natur. Man sah dies jüngst in einem nouvelle-vague- Film (Pierre Kast’s „Bei âge“) zur letzten Konsequenz und dennoch nicht ad absurdum geführt: Wie versöhnlich ist es doch, wenn einer mal wieder zeigt, daß ja gar nicht das Wild „gemeint“ ist, worauf man schießt, sondern der Professor Freud.

Die Feudalprivilegien hingegen, so liebenswert sie sich in ihren antiquarischen Aspekten wie Ridinger-Stichen und Chasses-à-cour-Gobelins ausnehmen – zumal in Grandhotels –, werden bald nur noch fortleben, im Bedürfnis gewisser Volksdemokratien und Entwicklungsländer nach Hartdevisen – überall anderswo leben die Tiere des Waldes in zoologischen Gärten und Naturparks. Aber schließlich haben die Barockfürsten ihre Ridinger-Hirsche auch nur im Gatter gezüchtet...

Die Sonderstellung der deutschen Jagd ergibt sich daraus, daß hier eine Synthese von Bauernjagd und Herrenjagd gelang, begünstigt von der speziellen Agrarstruktur, bevor der Schrei nach Sozialisierung die Waidgerechtsame treffen konnte. Die Jägerschaft rekrutierte sich damit zwar eindeutig nur aus der politischen Rechten (unliebsam weit rechts mitunter), aber innerhalb dieser aus allen Einkommensgruppen, und das war ihr entscheidendes Privileg. Die Jagd blieb als Bodenrecht erhalten, Kommune und Staat gelangten zu nicht mehr als repräsentativen Vollmachten, und die Jägerschaft konstituierte sich als nahezu autonome Gruppe, deren Ehrenkodex die Wahrung bestehender und neuer Spielregeln fester garantierte als die Staatsgewalt. Zwischen Ausrottung einerseits und Staatszoo andererseits hat Deutschland die Koexistenz-Möglichkeit von Kultursteppe und freier Wildbahn gezeigt.

Noch heute stellt das Wild bei uns eine „Gefahr“ für den Benutzer neuerschlossener Autobahnen dar; noch müssen die Bewohner großstädtischer Villenvororte ihre – der Mode gemäß nicht mehr umzäunten – Gartenanlagen gegen Wildverbiß und Befegung sichern, Schäden, die nur teilweise durch den toten Hasen ausgeglichen werden, welcher sich gelegentlich im Swimming-pool anfindet. Vergleicht man diesen Tatbestand mit der relativen Wildarmut im übrigen dicht besiedelten Westeuropa, dann erst versteht man die hegerische und konservierende Leistung einer so heterogenen Gruppe wie der Deutschen Jägerschaft richtig.