Von Friedrich Korte

Wir leben heute in einer wirtschaftlich anonymen Welt. Mit der industriellen Revolution der zurückliegenden Jahrzehnte ist auch die alte Sozialordnung zerstört worden. Die Bindung und gegenseitige Verpflichtung zwischen Erzeuger und Verbraucher, wie sie in den überschaubaren Gemeinden noch bestanden, gingen verloren und mußten mit der Werbung erst wieder geweckt werden. In einem zweiten Artikel über die Überwindung der Anonymität legt der vom Rundfunk kommende PR-Experte Dr. Friedrich H. Korte dar, welche wichtige Aufgabe den „Public Relations“ innerhalb einer neuen Sozialordnung zufällt.

Aus dem Nichtmehrwissen voneinander, dem Nichtmehrverbunden- und -verpflichtetsein, entstand die große Unsicherheit. Man weiß nicht mehr, woran man ist und wird mißtrauisch. Das Mißtrauen ist eines der typischen Kennzeichen der großen Unsicherheit in unserer Zeit. Wir alle sind ständig von ihm erfüllt. Wenn irgendwo irgend jemand irgend etwas tut oder unterläßt, so wittern wir dahinter zunächst Böses. Besonders ausgeprägt ist dieses latente Mißtrauen heute z. B. auf dem Gebiet der Politik. Das hat seine Gründe. Sie sind aber nicht nur in der soziologischen Entwicklung zu suchen.

Nur allzu schnell haben wir Menschen, sobald Wir die Macht dazu haben oder es verstehen, sie uns anzueignen, die Neigung, die Situation zu unseren Gunsten auf Kosten der anderen auszunutzen. Das gilt für unsere „kleine private Welt“ ebenso wie für die Weltpolitik als Forum der Auseinandersetzung zwischen den Völkern. Das gilt für die Innenpolitik und leider auch für die Wirtschaft.

Machtstreben ist um so erfolgreicher, als sein Initiator es versteht, die Anonymität des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu nutzen. Der Unternehmer in jenem Dorf vor einem Jahrhundert war, wie schon gesagt, weder in der Lage, seine Arbeitskräfte auszunutzen noch sich auf Kosten seiner Dorfnachbarn unrechtmäßig zu bereichern. Man hätte ihm wohl schnell auf die Finger geklopft! Der Unternehmer der Gründerjahre aber konnte – wenn er es wollte (und er wollte!) – sich eine egoistische Verhaltensweise leisten.

Er hatte so gut wie keinen Kontrolleur seines Tuns oder Lassens, zumindest zunächst keinen, der die Macht besaß, ihn in seine Schranken zu verweisen. Das geschah erst später in den sozialen Kämpfen. So sah er im Mitarbeiter bald nur noch einen Produktionsfaktor, in der Umwelt nur den Konsumenten. Er brauchte in der anonymen Massengesellschaft das Regulativ der Auseinandersetzung mit dem „Nachbarn“, der Öffentlichkeit, kaum zu fürchten. So war sein Prinzip: „Jeder für sich“, und laut fügte er bestenfalls als Konzession für die Ohren der von ihm nicht gefürchteten Öffentlichkeit oder seines eigenen Gewissens hinzu – „Gott für uns alle“. Ihn verpflichtete keine Gesellschaft und er hatte keinen „Ruf“ zu verlieren, jedenfalls nicht bei denen, auf die sein Tun und Lassen strahlte.

Dennoch empfinden gerade die Diktatoren der Politik wie der Wirtschaft durchaus die Anonymität. Gerade sie kennen ihre Gefahren, aber auch die Möglichkeiten, sie zu ihren Gunsten zu nutzen. So sind gerade sie es, die sich immer so schnell wie möglich jenes Instrumentes versichern und es anwenden, das sie in den Stand setzt, die Umwelt „in den Griff“ zu bekommen: der Propaganda. Dabei ging und geht es ihnen allerdings nur um eine Art Einbahnstraße, auf der sie die ihrer Meinung nach richtigen Informationen und psychologischen Wirkmittel marschieren lassen.