Eine Prognose für die USA-Wirtschaft fällt schwer Gefahr droht im zweiten Halbjahr,

Von R. H. Schlesinger

Bei den amerikanischen Neujahrsprognosen, die hierzulande herumgeboten zu werden pflegen, ist allergrößte Vorsicht geboten. Diese Regel wird bedauerlicherweise in der europäischen Öffentlichkeit und teilweise auch in der europäischen Presse, die häufig Prognosen amerikanischer Wirtschaftsführer für bare Münze nimmt, nicht immer genügend beachtet. Es mag verständlich sein, daß in den Vereinigten Staaten, einem Lande, in dem die Wirtschaftspublizität einer Rolle spielt wie nirgendwo sonst in der Welt, selbst angesehene und bekannte Wirtschaftsführer die Zukunftsaussichten ihrer Unternehmungen und ihrer Wirtschaftsbranchen, ja oft auch der gesamten Wirtschaft in gar zu lichten Farben malen. Denn selbst eine etwas dunklere Tönung könnte vielleicht bereits als nachteilig für ihre Unternehmen ausgelegt werden, und nichts fürchtet man in amerikanischen Wirtschaftskreisen mehr als eine ungünstige Publizität. Die gleichen Gründe sind für die Neujahrsprognosen der verschiedenen Organisationen, Interessenvertretungen und Wirtschaftsgruppen zutreffend.

Mehr als 10 % über dem Tief

Sucht man die künftigen Entwicklungstendenzen der amerikanischen Wirtschaft, objektiv und unvoreingenommen zu prognostizieren, so ergibt sich zunächst in großen Zügen das folgende Bild Das Bruttosozialprodukt, d. h. die Summe der Güterproduktion und der Dienstleistungen, is von einer Jahresbasis von 501 Mrd. $ im ersten Quartal 1961 (Tiefstand der letzten Rezession) auf 526 Mrd. $ im dritten Quartal angestiegen und wird für das vierte Quartal auf ungefähr 540 Mrd. $ veranschlagt. Hieraus geht deutlich die beträchtliche Erholung der amerikanischen Wirtschaft seit dem Tiefpunkt der letzten Rezession am Anfang des Jahres 1961 hervor. Die neueste Entwicklung der Konjunktur, die im Laufe der zweiten Hälfte des Monats Dezember bekanntgeworden ist, berechtigt zu der Hoffnung, daß das Sozialprodukt für das gesamte Jahr 1962 sich durchschnittlich auf einem Niveau von 560 bis 570 Mrd. $ bewegen dürfte. Ein solcher Stand würde bereits um 12 bis 14 % höher liegen als im Zeitpunkt des Tiefs in der letzten Rezession.

Die Vereinigten Staaten treten in das Jahr 1962 inmitten eines kräftigen wirtschaftlichen Aufschwunges ein. Tatsächlich hat aber dieser Aufschwung erst im Laufe der letzten beiden Monate des Jahres 1961 starken Antrieb erhalten. Die Erholung von der Rezession war in erster Linie von der Erwartung umfangreicher Regierungsaufträge, besonders für Rüstungszwecke, gefördert worden; auf die sich die Wirtschaft durch eine Wiederauffüllung der entleerten Lagerbestände vorbereiten mußte, dann aber auch durch die Erteilung dieser Regierungsaufträge selbst. Der starke Umschwung vom fortgesetzten Lagerabbau in der Wirtschaft zu stärkerer Anschaffung neuer Warenbestände hatte im vergangenen Frühjahr die Erholung der Konjunktur angebahnt und dann im Laufe des Sommers weiter gekräftigt. Dann beschnitten gegen Ende des Sommers und im ersten Teil des Herbstes die Automobilstreiks und die Witterungsunbilden das Tempo des Konjunkturaufschwunges, nachdem bereits die Berliner Krise die Lust der Konsumenten zu Käufen von Verbrauchsgütern gedämpft hatte. Nach Beendigung der Streiks in der Autoindustrie und nach Beruhigung der weltpolitischen Situation erfuhren allmählich die Konsumentenkäufe eine Wiederbelebung, besonders nachdem die neuen 1962er Automodelle Anklang beim amerikanischen Publikum gefunden hatten. Das diesjährige Weihnachtsgeschäft schlug, nach den bisher vorliegenden Statistiken, alle Rekorde der letzten Jahre.

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