Es goß draußen; im Reiseteil der Zeitungenwurde zur Fahrt in den Bergschnee eingeladen. Ich wärmte mich im Frankfurter Büro von Alan R. Vicary. Er rauchte mir auf seiner Pfeife etwas vor, sah in den Regen und riet zu Australien. Diese Jahreszeit, so sagte er, könne man nur an einer Sandbucht von Sydney oder Brisbane verbringen. Just in diesen Wochen herrsche der Sommer mit seinen 22 Grad im Schatten. Zuweilen sei es auch wärmer, an die 30 oder 40 Grad, aber das seien Ausnahmen, und „Air-condition“ mache die Hotels so frisch, daß man drinnen Wollkleidung tragen müsse. Für 400 Mark könne man von Sydney aus an einer Pauschalreise nach Australiens Riviera mit der sehenswerten Riffküste teilnehmen. Im übrigen sei man auf der „Känguruh-Route“ über Singapore in knapp 48 Stunden da. Und das ohne Umsteigen.

Der Regen trommelte immer noch ans Bürofenster. Alan goß uns ein und riet, nachdem ich nicht sogleich begeistert angebissen hatte, zu Neuseeland. Dort beginne jetzt auch der Sommer, er sei aber nicht ganz so warm. Aber im übrigen sei es wie das südliche Australien, wenn auch enger und wunderbarer – wegen der Fjorde und Glühwurmgrotten, der Vulkane und schönen Maori-Damen. Wenn wir es eilig hätten – und das haben Deutsche ja – sollten wir für 350 Mark an einer Blitzbesichtigung der Inselattraktionen im Bus teilnehmen, pauschal, ganz wie zu Hause. Und die Quantas sei „die erste und einzige Fluggesellschaft der Welt“, die Europa mit den ’drei wichtigsten Städten Neuseelands direkt verbinde.

Alan R. Vicary ist einer der vielen überseeischen Fremdenverkehrsvertreter, die in der Bundesrepublik tätig sind, und von denen wir einmal hören wollten, was sie denn anzubieten haben. Und ob sie allen Ernstes erwarten, daß sich deutsche Urlauber mit der Badehose im Gepäck in der „707-V-Jet“ runde 10 000 Kilometer weit in den Urlaub katapultieren lassen.

Sie haben viel investiert, um hier stattliche Büros zu finden und auf sich aufmerksam zu machen. Ebenfalls in Frankfurt hat sich der indische Fremdenverkehr eingerichtet, ließen sich Südafrikaner nieder, etablierten sich Japaner in genauso schönen und teuren Büros. Texas schickte Berge von Prospekten nach Deutschland. Reisende Boten Karibischer Inseln und junger westafrikanischer Staaten geben sich in diesen Wochen die Klinken der Reisebürotüren in die Hand. Sie suchen Kontakte. Alle laden sie zum Baden ein, zum Faulenzen, zum guten Essen, zur Besichtigung eindrucksvoller Winkel, zu folkloristischen Veranstaltungen. Schön und verlockend. Aber deswegen um die halbe Welt reisen?

Natürlich sind die exotischen Verführer nicht „von gestern“. Sie spekulieren kaum damit, daß sich nun die Bundesbürger scharenweise auf den Urlaubsweg nach fernen Traumzielen machen, Immerhin kostet die Reise nach Neuseeland soviel wie ein mittelgroßes Automobil. Sie erwarten auch nicht viel von der Flugreise auf Kredit: „Reise jetzt, zahle später.“ Man spekuliert vielmehr mit den vielen Ausgewanderten, die inzwischen in Übersee zu einem gewissen Wohlstand gekommen sind und nun einmal ihre Angehörigen bei sich sehen möchten. Und vor allem rechnen diese Manager von Fernreisen mit den auf Geschäftskosten reisenden Kaufleuten und Ingenieuren, Politikern und Instrukteuren, also jenen Berufsgruppen, die ohnehin viel unterwegs sind. Ihnen soll deutlich gemacht werden, wie nützlich es ist, die Arbeitsreise mit einem Urlaub zu koppeln. Und diese Rechnung scheint aufzugehen. Wenn man sich die Statistik eines der großen Übersee-Reisebüros in Frankfurt ansieht, ist man beeindruckt.

An das Pausenbedürfnis der Geschäftsreisenden appellieren vor allem die USA. Sie werben für ihre preiswerten Bustouren „Kreuz und quer durch den Kontinent – 99 Dollar für 99 Tage“. Sie erklären, daß ein Besuchsvisum heute im Handumdrehen erteilt wird, und daß, wer gern spart, auch drüben sparen kann. Denn schon für einen Dollar gebe es in vielen „Snackbars“ etwas Warmes zu essen, für sechs Dollar ließe sich ein passables Zimmer finden. Besser aber sei es, etwas mehr anzulegen. Mit 1200 Mark käme man dann für 14 Tage durch.

Die Statistik dieses Jahres läßt außerdem erkennen, daß auch der Pazifik bei uns an Zugkraft gewinnt. So mancher gehobene Techniker, der im fernen Süden eine Maschinenanlage installieren, oder ein Geschäftsmann, der nach neuen Märkten Ausschau halten muß, träumt davon, einmal die Sonne von einer Südseeinsel aus untergehen zu sehen. Nun kann längst nicht jede Inselgruppe im Pazifik als Pausenziel empfohlen werden. Neben Hawaii und Tahiti aber gehören dazu die Fidschi-Inseln. Sie haben den Vorteil, sozusagen an den Gleisen der Rund-um-die-Welt-Route zu liegen. Auch sie können heutzutage von Frankfurt aus ohne Umsteigeaufenthalt erreicht werden. Zwischen den Fidschis, Tahiti, Australien und Neuseeland unterhalten die Quantas und die Ted „lokale“ Fluglinien. Wer auf seinem Geschäftsreiseweg aber auf den Fidschi-Inseln auch nur für einen Tag ausruht, wird sie nicht mehr vergessen. Eigens für durchreisende Europäer wurde das elegante Hotel am Strand und Urwald der Korolevo Beach von Vitt Levu eingerichtet. Ein Ferientag in Saus und Braus kostet etwa 50 Mark. Für das Einreisevisum ist das nächste britische Konsulat zuständig.

Beliebte Zwischenlandehäfen an der Südostroute sind Bombay und vor allem Bangkok. Aber auch Singapur und Hongkong, denn diese Treffpunkte ohne Zoll und Steuergesetz sind die Einkaufsparadiese für Weitreisende. Hier aber kostet ein Hoteltag mehr als eines der zollfreien Rundfunkgeräte, und eine Mahlzeit nach europäischem Geschmack an die zehn Dollar. Derartige Preise hemmen, das liegt auf der Hand, so manchermanns Reiselust. Und die ganz großen Reisen werden erst dann ganz großen Zuspruch finden können, wenn der kürzlich auf einer Tagung in München laut gewordene Vorschlag eines Reisebüroleiters Gehör findet: Einen „Touristendollar“ in der Relation 1 Dollar = 2,50 DM einzuführen. Das würde die Situation ändern. Fürsprecher sitzen auf beiden Seiten des Atlantik. Ermano Höpner