Ende eines falschen Mythos – Nüchterne Einschätzung der Politik Nehrus Von Hans Walter Berg

New Delhi im Januar

Es wäre für Delhi in Zukunft völlig unpassend, den alten Anspruch aufrechtzuerhalten, daß es ein besonderes Maß politischer Moral besitzt, wie es anderen Regierungen und Völkern angeblich fehlt“, schrieb die unabhängige Times of India in einem Leitartikel, der sich kritisch und souverän mit den internationalen Rückwirkungen der Goa-Aktion auf das indische Ansehen in der Welt beschäftigte. Die ganze indische Presse hat bei allem Jubel über die gewaltsame Vertreibung der Portugiesen aus der letzten europäischen Kolonie auf indischem Boden nicht verschwiegen, wie heftig das indische Vorgehen von der Weltöffentlichkeit verurteilt worden ist.

Einige Zeitungen machen es sich in ihren Kommentaren zwar sehr einfach, indem sie den ausländischen Kritikern schlicht Ignoranz oder alte feindselige Vorurteile unterstellen. Aber es gibt auch sehr bemerkenswerte indische Stimmen, die sich ernsthaft mit der Reaktion des Auslandes auseinandersetzen und die klar aussprechen, daß für Indien durch die Goa-Aktion eine völlig neue außenpolitische Situation entstanden ist.

Diese selbstkritischen Überlegungen führen viele zu dem Schluß, daß eine Politik, die eine Befreiung Goas nur auf Kosten des indischen Prestiges möglich machte, falsch gewesen sein muß. „Was ist das für ein Prestige“, so fragte die Times of India, „das einer Nation verbietet, seine nationalen Interessen zu verteidigen?“

In der Rolle des Ghandi-Erben

Ein wesentlicher Zweck der indischen Außenpolitik in den vergangenen Jahren bestand nun in der Tat darin, den moralischen Charakter der Bündnislosigkeit zu betonen und ihre praktischen Motive zu verheimlichen. Die Konzeption der Bündnislosigkeit – so sagen die Kritiker Nehrus – war zudem so negativ, daß man sie nur nach dem definieren konnte, was sie nicht wollte. Dazu gehörten etwa die Abneigung, Paktverpflichtungen einzugehen, und die Verneinung kollektiver Sicherheitsmaßnahmen anderer Völker.