R. B., Berlin, im Januar

Am letzten Tag des vergangenen Jahres fingen die amerikanischen Offiziere von Checkpoint Charly am Ausländerübergang Friedrichstraße damit an, die sowjetischen Dienstwagen nach dem Oberst Solowjew, Kommandanten in Ostberlin, oder seinem politischen Berater zu durchforschen. Sie überreichten den Fahrern der Wagen einen vorgedruckten Zettel, worauf in russischer Sprache stand: „Befindet sich Oberst Solowjew oder sein politischer Berater in Ihrem Wagen?“ Sagten die Fahrer„njet“, konnten sie passieren.

Der erste, der diesen Zettel bekam, verweigerte die Auskunft. Er wußte nicht, worum es ging, und er hatte auch noch keinen Befehl für die neue Situation. Die Amerikaner schickten ihn in den Ostsektor zurück. Deutsche, die zusahen und gewiß den Sowjets nicht sonderlich grün sind, meinten: „Wenn das bloß nicht die Mitarbeiter der Luftsicherheitszentrale sind.“ Es waren aber nur die Wachthabenden des sowjetischen Ehrenmals.

Anlaß zu dieser neuen Kontrollmethode am Checkpoint Charly gab ein Befehl des amerikanischen Stadtkommandanten General Watson. Er hatte seinem sowjetischen Gegenpart, Oberst Solowjew, schon am 2. Weihnachtstag ein ungewöhnliches Geschenk auf den Gabentisch gelegt: Ein Verbot für ihn und seinen politischen Berater, den amerikanischen Sektor zu betreten. Vier Tage lang war die Sache streng geheim.

Watsons Befehl ist eine Repressalie. Ihr zugrunde liegt eine Beleidigungsaffäre zwischen höheren Offizieren von zwei, früher einmal verbündeten Armeen. Die erste Offiziers-Beleidigung sah so aus: Watson hatte am 21. und am 23. Dezember versucht, in Begleitung von drei Armeeangehörigen in Zivil, Oberst Solowjew einen Besuch abzustatten. Der Besuch war avisiert, die Volkspolizisten aber verlangten die Ausweise von den nicht uniformierten Begleitern Watsons. Es gab ein erregtes Grenzgespräch, dann fuhr der amerikanische General zurück, schickte einen schriftlichen Protest und, als auch darauf keine Antwort kam, das geheimgehaltene Verbot. Erst als Solowjew auch darauf schwieg, übergaben die Amerikaner die Sache der Öffentlichkeit und vollzogen die nach ihrer Ansicht notwendig gewordene Gegenbeleidigung.

Jetzt sind der sowjetische Kommandant und sein politischer Berater die einzigen Sowjets, die den amerikanischen Sektor nicht betreten dürfen. Sie dürfen also nicht in die Schloßstraße fahren, können aber die Badstraße im französischen und den Kurfürstendamm im britischen Sektor besuchen. Die Engländer und die Franzosen halten sich durch den neuen amerikanischrussischen Streit nicht für betroffen. Ihre beiden Stadtkommandanten mit den seltsam gleichklingenden Namen de Lacombe und Lacomme legen immer Uniform an, wenn sie über die Sektorengrenze müssen und verlangen das gleiche von ihren. Begleitern.

Die Amerikaner haben sich, bevor sie ihr Verbot erließen, auch nicht mit ihren Alliierten abgestimmt. Sie meinen, es sei ihre eigene Angelegenheit, wen sie in ihren Sektor lassen und wen nicht. Engländer und Franzosen aber haben nun schon gefragt, wie das denn weitergehen soll, wenn beispielsweise General Watson im Februar den turnusmäßigen Vorsitz der westlichen Stadtkommandanten übernimmt. Ob er dann im Namen der drei Westkommandanten mit dem Oberst Solowjew verhandele und wie?

De Lacombe und Lacomme werden Solowjew weiter empfangen. Er kann nach Belieben in den britischen und französischen Sektor fahren, zu denen es jeweils von Ostberlin aus Passierstellen gibt. Sollte er aber mit Rücksicht auf Ulbricht, der die Friedrichstraße zur Ausländerübergangsstelle machte, auf diesem Übergang (der in den amerikanischen Sektor führt) bestehen, werden sie ihm, heißt es, Eskorten schicken.