Das Programm der Weihnachtswoche war auf den ersten Blick äußerst ansehnlich: Tschaikowskij, Kleist, Künneke, Andersch, Nestroy, Smetana, Tschechow – eine sehr deutsche Zusammenstellung. Zu kirchlichen und nationalen Festtagen wird Kunst und Kultur herangeschafft, das Heiter-Leichte hat keinen Zutritt, wenn unserem Volk der Sinn festlich gestimmt ist. Man muß das französische oder englische Weihnachts-Fernseh-Programm dagegenhalten, um des Unterschieds gewahr zu werden.

Für den mehr aufs Freundlich-Kommune gestimmten Teil der Fernsehgemeinde ist der Apparat während der Festtage als Freudenquelle also so ziemlich ausgefallen – wann immer sie anknipsten, ging Feierliches vonstatten. Tröstenderweise kann ihnen gesagt werden, daß es dem anderen Teil nicht besser ergangen ist: Wem ein Fernsehapparat unter den Weihnachtsbaum gelegt worden ist, mag den künstlerischen Nutzen des Gehäuses gleich nach den ersten drei Tagen skeptisch erwogen haben.

Am 1. Feiertag „Und Pippa tanzt“, das poetische Dialektmärchen des vierunddreißigjährigen Hauptmann, das schlesische Mystik und Naturalismus auf eine sehr sonderbare Weise verbindet. Umgelters Fernsehroutine machte daraus eine erotische Gruselmoritat: Nicht mehr das wirre Spiel zwischen italischer Fee und schlesischem Erdgeist, sondern Unappetitlichkeiten zwischen lüsternem Greis und keckem Teenager. Die reichliche Verwendung von Spinnweben teilte den Pappkulissen nicht die Atmosphäre des Geisterhaften, sondern des Unabgestaubten mit. – Parallel lief unsinnigerweise am christlichen Freudentag die ganz und gar auf düstere Karfreitagsstimmung abgestellte „Pique Dame“.

Am 2. Feiertag „Amphitryon“ in einer Aufzeichnung nach einer Bühneninszenierung. In seltener Einmütigkeit haben alle wichtigen Theaterkritiker Walter Henns Schillertheater-Inszenierung für die beste Realisierung des schwierigen Stückes seit Jahrzehnten erklärt. Das Fernsehen kaufte aber die anständig-saubere Version der Münchener Kammerspiele ein – was natürlich keine künstlerischen Gründe, sondern lediglich damit zu tun hat, daß das Bayerische Fernsehen seinen Sendeminutenanteil noch nicht erfüllt hatte.

Gleichzeitig lief, von Kurt Wilhelm in der üblichen Weise aufs albernste textlich und musikalisch aktualisiert, das ein wenig unergiebige Singspiel „Liselott“. So etwas könnten Oscar Fritz Schuh oder Sellner vielleicht sehr luftig und ironisch auf den Bildschirm bringen – Kölns Operettenspezialist gab die plumpen Witze und die neckischen Scherze und vor allem die hochgehobenen Beine des Balletts.

Am Donnerstag zwischen den Festtagen Alfred Anderschs „Sansibar“ in einer Film Version von Leopold Ahlsen. Die Stoffwahl ist mehr zu loben als die Regie, die sich bei der Darstellung der Verfolgten-Situation im Dritten Reich allzu sehr auf Äußerliches verließ: auf heimliche Treffen und doppelbödige Gespräche und auf die Licht-Schatten-Effekte der Nachtphotographie. Seelisches kam nur momentweise ins Bild. lupus