Wer regelmäßig die sensationellen Mitteilungen über die Erfolge der Medizin liest, muß glauben, daß wir bald alle Krankheiten „ausgerottet“ haben werden, vielleicht sogar den Tod solange verhindern können, bis wir alt wie Methusalem sind. Obwohl Krebs und Herzinfarkt immer jüngere Jahrgänge ergreifen, ist der illusionäre medizinische Fortschrittsglaube nicht zu erschüttern. Amerikanische Ärzte prophezeien sogar, daß der Mensch schon am Ende unseres Jahrhunderts mit einem Alter von 120 Jahren rechnen könne. Man setzt die Hoffnung nicht auf lebensverlängernde Elexiere, wie sie Cagliostro seinen Logen-Anhängern feilbot, sondern auf die Vernichtung der Infektionskrankheiten, die Verhinderung der Abnutzungserscheinungen und andere – wie man glaubt – bald fällige Großtaten der Medizin.

In solchen Berechnungen wird off vergessen, daß die technische Zivilisation auch immer neue Krankheiten hervorbringt. Es ist doch beunruhigend, daß sich sogar die Zellzusammensetzung unseres Blutes geändert hat: Für manche Arten der weisen. Blutkörperchen sind die Normalzahlen, die noch bei Kriegsbeginn galten, heute überholt.

Zugleich stellt uns die Natur immer neue Aufgaben:

  • Nach dem britischen Medizinjournal Lancet sind jüngst an Küsten des östlichen Pazifik Menschen durch die Berührung von Quallen innerhalb weniger Minuten unter schweren, wahrscheinlich allergischen Schockerscheinungen gestorben.
  • Auf dem überdimensionalen internationalen Rheuma-Kongreß, der vor kurzem in Rom tagte, erfuhr man, daß der Gelenkrheumatismus, den es bisher im Tierreich nicht gab und der experimentell auch am Tier nicht erzeugt werden konnte, jetzt bei Ziegen in einem bestimmten Schweizer Territorium auftritt.
  • Ob durch die atomaren Versuchsexplosionen manche Krankheitserreger Erbänderungen erfahren, wird möglicherweise bereits die nächste Grippeepidemie enthüllen. Vielleicht werden wir vollkommen neuen Krankheitsbildern gegenüberstehen – und machtlos sein.

Auch die Politik kann auf manche Weise in die medizinische Forschung eingreifen. So wurden die Arbeiten an einem vor mehr als zwanzig Jahren von dem russischen Ehepaar Roskin entdeckten Wirkstoff gegen Hautkrebs durch eine stalinistische Säuberungsaktion auf lange Zeit unterbrochen.

Vor einigen Jahren hielt man es noch für eine phantastische Spekulation, als die Elektronentechnik „Sehprothesen“ für Blinde versprach und Amputierten und Gelähmten einen „künstlichen Gelenksinn“ für ihre Prothesen und kranken Glieder in Aussicht stellte,/einen elektronischen Apparat, mit dem sie ihre Bewegungen genauso sicher kontrollieren könnten wie ein Gesunder. Aber auf dem internationalen Kongreß für automatische Steuerung hat Professor Kobrinski eine elektronisch gesteuerte Handprothese vorgeführt, die es unter Ausnutzung und Verstärkung der normalen elektrischen Muskelpotentiale dem Prothesenträger ermöglicht, zu schreiben und feinste manuelle Arbeiten zu verrichten.

Anderen technischen Fortschritten stehen wir freilich skeptisch gegenüber. Schon vor Jahren tauchte ein diagnostischer Rechenschieber für den Arzt auf. Wenn schon große Heiratsinstitute die geeigneten Lebensgefährten von einem „Elektronengehirn“ auswählen, lassen, warum sollte sich dann dieses Prinzip nicht auch in der medizinischen Diagnostik bewähren? Ist die Rechenmaschine mit allen bekannten Krankheitsbildern programmiert, dann müßte sie doch aus den jeweils vorhandenen Symptomen die richtige Diagnose herausfinden. Hoften wir, daß die Resultate besser sind als die eines Augendiagnostikers, der vor einigen Jahren bei Männern, die allerdings bis auf die Augen verhüllt waren, schwere Frauenleiden feststellte.