Gibt es eine Methode, die hundertprozentig an der Börse vor Verlusten schützt? Mit dieser Frage beschäftigt man sich nicht erst seit heute, sondern praktisch schon so lange, wie es eine Börse gibt. Immer wieder wird untersucht, ob nicht eine Möglichkeit besteht, die „richtigen“ Kurse ausrechnen zu können. In neuerer Zeit versucht man diesem Problem mit den Erkenntnissen der Wirtschafts- und Betriebswissenschaft zu Leibe zu gehen. In dieser Beziehung haben wir von den Amerikanern viel gelernt, die ausgezeichnete „Röntgenbilder“ von ihren Unternehmen anfertigen, in denen dem Anleger kaum etwas verborgen bleibt. Voraussetzung dafür ist die zuverlässige Information, in erster Linie natürlich eine „unverschleierte“ Bilanz, sowie eine möglichst weit aufgegliederte Gewinn- und Verlustrechnung. Daran haperte es bis vor kurzem bei uns. Aber mit dem „Gesetz über die Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln über die Gewinn- und Verlustrechnung“ vom 23. Dezember 1959 ist für die deutschen Aktiengesellschaften eine Publizität vorgeschrieben, die einen tieferen Blick in ihr Innenleben erlaubt.

Auf den Wertpapiermärkten herrscht eine gewisse Rivalität zwischen den sogenannten alten Praktikern, die von sich behaupten, „einen guten Riecher“ oder eine „glückliche Hand“ zu haben, und den modernen Bilanzanalytikern, die manchmal glauben, Kurse „wissenschaftlich“ ausrechnen zu können. Publizistisch sind die Bilanzanalytiker in letzter Zeit etwas ins Hintertreffen geraten, und zwar durch die Erfolgsbücher „Wie ich 2 Millionen Dollar an der Börse gewann“ von Nicolas Darvas und „Das ist die Börse“ von André Kostolany. Beide halten offensichtlich weniger von Bilanzanalysen als vielmehr vom „gesunden“ Menschenverstand. Darvas hat offen zugegeben, daß er von den Gesellschaften, in denen er spekulierte und mit deren Hilfe er seine Millionen zusammenverdiente, nicht viel mehr gewußt hat als den Namen-,

Ich glaube, meine verehrten Leser, daß es nicht empfehlenswert ist, den Herren Darvas und Kostolany nacheifern zu wollen. Beiden haftet etwas Geniales an, über das eben nicht jeder verfügt. Andererseits sollten wir aber auch erkennen, daß es an der Börse keinen Weg gibt, über rein wissenschaftliche Methoden „reich“ zu werden. Das Richtige liegt, so scheint mir, auch hier in der Mitte. Deshalb fügt es sich glücklich, daß im Anschluß an die Veröffentlichungen von Darvas und Kostolany jetzt ein Buch erschienen ist („Hinter gläsernen Bilanzen“ von Bernhard Schneideros, Verlag Moderne Industrie, München), das die Dinge in das rechte Licht rücken möchte. Schneideros (ein Pseudonym) versucht den Nachweis, daß es an der Börse eine gewisse Logik gibt, daß sie also nicht nur ein reines Glücksspiel ist. (Schneideros: „Aktienkauf per Gefühl mag Glück bringen, Kauf mit Logik ist besser!“)

Der Verfasser hat ohne weiteres recht, wenn er schreibt: „Ein kleines oder großes Vermögen legt man nicht nach Lotterie-Gesichtspunkten an.“ Er empfiehlt deshalb eine klare Analyse des einzelnen Werts (Aktie) und die Kalkulation aller Umstände, die die Börse beeinflussen. Für die Analyse einzelner Aktien liefert der Verfasser in seinem Buch ausgezeichnete Beispiele, die eine nähere Betrachtung lohnen. Aber wie ist es mit den sonstigen Umständen, die die Börse beeinflussen? Hierüber herrscht in dem Buch keineswegs „großes Schweigen“. Schneideros gibt zu, daß sie im Rahmen seines Buches nur relativ wenig Raum einnehmen, „denn mehr als die Darstellung der häufig wechselnden marktbestimmenden Faktoren und eine Anleitung, auf welche Faktoren man in der konkreten Situation an meisten zu achten hat, – können in dieser schnelllebigen Welt, in dieser weltpolitisch nervösen und wirtschaftlich so schnell wandelbaren Zeit nicht geboten werden“. Wenn es an anderer Stelle heißt, daß in der Hauptsache Konjunktur, Politik und Markttechnik die Faktoren sind, die dem Börsengeschehen das Gepräge geben, dann sieht der Leser sich bereits weitgehend auf eigene Füße gestellt. Denn gerade in diesen Wochen erleben wir, daß sich selbst die Wirtschaftswissenschaftler über den weiteren Konjunkturverlauf nicht einig werden können. Von der Zukunft der politischen Entwicklung ganz zu schweigen. In beiden Fällen, so scheint mir, kommt der Wertpapieranleger ohne den Mut einer eigenen, höchstpersönlichen Prognose nicht aus.

Wer das Risiko einer persönlichen Prognose scheut oder der Prognose ihm beratender Personen nicht zu folgen bereit ist, sollte darauf verzichten, Aktien zu erwerben. Denn ohne Risiko geht es hier nicht. Jeder Aktienkauf ist Spekulation. Allerdings verliert der Faktor Spekulation an Bedeutung, wenn die Ersparnisanlage in Aktien langfristig gedacht ist. Hausse und Baisse lösen sich an der Börse ab. Die Kurse steigen und fallen, damit muß man sich abfinden. Wachsam muß man jedoch werden, wenn man ein Papier besitzt, daß einer Hausse nicht folgt oder gar in Zeiten fester Tendenz, fällt. Dann ist Gefahr im Verzuge!

Der allgemeinen Tendenz (oder der „Großwetterlage“) kann man an der Börse schwerlich ausweichen. Dagegen läßt sich das Risiko, das nun einmal in jedem Unternehmen ruht, durch eine sorgfältige Auswahl der betreffenden Papiere begrenzen. Und hierfür gibt Schneideros einige wertvolle Hinweise. Wenn man sie auswerten will,’ wird man allerdings einige Mühe aufwenden müssen, denn ohne Rechnen geht es nicht.

Da ist zunächst einmal die „Branchenlogik“. Man nimmt sich die Aktienkurse einer Branche vor, vergleicht sie miteinander und ermittelt dann den Durchschnittskurs. Welches Papier liegt unter dieser Norm? Kann es als „zurückgeblieben“ gelten? Ist es deshalb preiswert? Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht einfach, weil die Unternehmen selbst der gleichen Branche nur schwer vergleichbar sind. Der Kursvergleich allein führt uns deshalb nicht viel weiter.