Das „Jahr der roten Tinte“ nannte Malcolm A. Maclntyre, der Präsident der amerikanischen Luftfahrtgesellschaft Eastern Air Lines, vor einigen Wochen das Jahr 1961. Seine düstere Prophezeiung hat sich inzwischen bestätigt: Das abgelaufene Jahr ist trotz der Rekordzahlen bei der Beförderungsleistung die größte Pleite im Weltluftverkehr. Hier einige Beispiele:

  • Die elf amerikanischen Haupt-Luftverkehrsgesellschaften haben 1961 einen Verlust von insgesamt 30 Millionen Dollar aufzuweisen. Das übertrifft den bisher größten Verlust im Jahre 1947 um 10 Millionen Dollar. Im Vorjahr haben die gleichen Gesellschaften noch einen Reingewinn von 1,2 Millionen Dollar verbuchen können.
  • Die British Overseas Airways Corp. hat in den ersten 32 Wochen des Geschäftsjahres 1961/62 Verluste in Höhe von 7,7 Millionen Pfund Sterling erlitten, von denen 2,5 Millionen allerdings auf das Konto des Elektrikerstreiks in London im Juli dieses Jahres gehen.
  • Die Deutsche Lufthansa wird froh sein, wenn sie das Jahr 1961 mit einem Defizit von nur 70 Millionen DM abschließen kann, nachdem man noch im Spätsommer mit einem weit höheren Verlust gerechnet hatte.
  • Generaldirektor Nicolin von der skandinavischen Fluggesellschaft SAS erklärte im September, die Bilanz seiner Gesellschaft werde mit einem Verlust von über 100 Millionen Kronen abschließen.
  • Auch sonst so prosperierende Gesellschaften wie Swissair und KLM schließen diesmal nicht mit einem Plus ab. Bei den Schweizern rechnet man mit plus – minus Null, bei den Holländern mit 80 Millionen Gulden Verlust.

Als vor vier Jahren die Düsenpassagierflugzeuge eingeführt wurden, warnte der Generaldirektor des internationalen Luftfahrtverbandes JATA, Sir William Hildred, seine Kollegen: „Wir müssen die Bäuche dieser Monster füllen, koste es, was es wolle. Oder sie werden uns fressen.“ Das abgelaufene Jahr bewies die Richtigkeit dieser Warnung.

Alle Fluglinien boten größere und schnellere Maschinen an, doch die Zahl der Passagiere vermehrte sich nicht entsprechend dem Angebot. Über dem Nordatlantik waren die Flugzeuge zeitweise nicht einmal zur Hälfte besetzt, während die Gesellschaften früher gewohnt waren, auf dieser Route zwei von drei Plätzen zu verkaufen. Nur der Tatsache, daß der Nordatlantikverkehr in den letzten Monaten zugenommen hat, verdankt es die Lufthansa – sie liegt hier hinter Israel und Irland an dritter Stelle –, daß ihr Defizit kleiner wird als befürchtet.

Die Luftfahrtgesellschaften sitzen bis über beide Ohren in der roten Tinte. Und doch kommen Rationalisierungsmaßnahmen wie etwa der Zusammenschluß europäischer Linien zur Air Union nur quälend langsam voran. Und doch spielen alle Gesellschaften mit Plänen für den Überschallverkehr, einem technisch und wirtschaftlich noch kaum überschaubaren Risiko. Wohin soll das führen?

H. M.