Von Werner Ross

Wir wollen komplizierte historische Vorgänge ein wenig vereinfachen: Im englischen Parlament saßen links die Liberalen, die für Freihandel und nebenher für die Freiheit im allgemeinen waren, rechts die Konservativen, die soliden Grundbesitz mit soliden Grundsätzen verbanden. Wer Grund und Boden hat, spricht leicht von Heimaterde und neigt zum Vaterländischen. Wer den Warenverkehr fördert, hat meist nichts gegen Ideenaustausch, er ist aufklärerischen Gedanken und, emanzipatorischen Bewegungen wohlgesinnt, sofern es nicht gerade um die Emanzipation der Kolonialvölker und der Arbeiter geht. Da die Liberalen diese Ausnahmen machten, rückten ihnen die Sozialisten als neue Linke nach. Die Freiheit, die sie meinten, hieß genauer Gleichheit, Ausgleich zwischen arm und reich.

Ähnliche Sitzordnungsprobleme gab es in allen parlamentarisch regierten Ländern Europas, und fortan war es schwierig, zwischen der einen und der anderen „Linken“ zu unterscheiden. Die Liberalen ihrerseits gerieten in die seltsame Situation, daß sie als Aufklärer und Revolutionserben nach links gehörten, als Kolonialisten, Kapitalisten, Imperialisten und so weiter aber nach rechts. Im Weimarer Deutschland setzte sich das Zentrum, die katholische Partei mit einem „rechten“ und einem „linken“ Flügel, mitten zwischen sie, und geriet so nach rechts von links und links von rechts.

Die Kommunisten schufen weiteres Durcheinander, indem sie die Sozialisten nach rechts drückten, aber an der äußersten Linken keineswegs für äußerste Freiheit waren. Schließlich zogen die Nationalsozialisten in den Reichstag ein, die ihrem Namen zufolge sowohl links wie rechts hätten sitzen müssen, der Schizophrenie aber den rechten Flügel vorzogen und nach einigem Blutvergießen die linke Namenshälfte abwarfen und als Nazis übrigblieben.

Mustert man diese Varianten, so bleibt als Einsicht übrig: „links“ bedeutet mindestens zweierlei – nämlich für Freiheit sein, liberal, und für Gleichheit, sozial(istisch). Das läßt sich in netten Kompromissen verbinden, und zustande kommt die Sozialdemokratische Partei. Aber die Gleichheit kann sich auch sehr ungeniert durchsetzen, zum Beispiel mit einer Diktatur des Proletariats, und mit der linken Freiheit ist es dann nicht mehr weit her. Die Französische Revolution hatte noch beide Ideale sauber nebeneinander aufs Panier geschrieben, aber damals hatte man keine Zeit zum gründlichen Durchdenken. Doch bei den Vätern der Revolution, den Theoretikern, klafft es schon: Voltaire ist das Vorbild aller „Freisinnigen“, Rousseau der Ahnherr der Volksdemokratie.

Bei näherer Betrachtung erweist sich, daß nicht nur die kommunistische „Volksdemokratie“, sondern alle Diktaturen gleichzeitig links und rechts sind. Der Diktator (im Gegensatz zum absoluten Monarchen, dem Gottähnlichkeit genügt) braucht den Konsens oder Applaus des Volkes, er sorgt für Kulturhäuser, KdF und Zirkusvorstellungen. Die häßliche Seite der Diktatur bekommen nur die Leute vom Ancien régime, die Intellektuellen und ähnliche Sonderlinge zu spüren. Der Diktator weiß etwas hinter sich, das er „Volkswillen“ nennt, wenn er die Freiheit unterdrückt, eine andere Meinung zu haben als die seine, und damit alle Menschen, die Meinungen haben müssen, können oder wollen.

Zu diesen Menschen mit Meinung dürfen wir auch die Schriftsteller rechnen, zum mindesten in dem Sinn, den das Wort in den letzten hundert Jahren angenommen hat (bis zu Goethe sah es noch anders aus). Sie sehen die Freiheit des Denkens, Meinens und Schreibens als ebenso absolute Lebensbedingung an wie die Atemluft. Sie müßten sich in Rußland wie in Portugal, bei Franco wie bei Castro schnell zu Tode grämen (oder „umstellen“, mit Sitz in der Akademie). Trotzdem kokettieren manche von ihnen mit Rußland oder wenigstens mit Polen, sie fühlen sich halb abgestoßen und halb angezogen, bis zu jener früher. häufigen, heute selteneren und versteckteren Spielart des „Salonbolschewisten“.