Von Marcel

Ein „wunderbar florierender Literaturbetrieb“ meinte der Feuilletonchef der Welt, Georg Ramseger – werde hierzulande „vorgetäuscht durch eine Fülle von Preisen und Preisgekrönten“. Die Juroren wüßten nicht, „wem um alles in der Welt man immer noch einmal den Preis geben sollte“, denn „die Wiese unserer Literatur“ sei gar „karg bewachsen“. Also las man es im wunderschönen Mai, als alle Knospen sprangen. Welche Folge zieht jedoch die Welt im frostigen Dezember aus dieser Erkenntnis? Was tut das Blatt angesichts der Inflation der literarischen Ehrungen? Es stiftet noch einen Preis: fünfzehntausend Mark für ein Buch, das zwar nicht als Jugendbuch geschrieben wurde, aber von den Sechzehn- bis Zwanzigjährigen gelesen werden sollte. Wann hat die Welt recht? Wenn sie über die „Fülle von Preisen“ klagt oder wenn sie diese angebliche Fülle noch vergrößert?

Das ’„Kleine literarische Lexikon“ (1961) behauptet, es gebe in den deutschsprachigen Ländern etwa einhundertzwanzig Literaturpreise. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels kennt in der Bundesrepublik achtundfünfzig Preise, in Fischers Welt-Almanach („Zahlen, Daten, Fakten“) werden hingegen nicht weniger als einhundertfünfzehn bundesrepublikanische Literaturpreise angeführt. Wie dem auch sei: sobald ein Autor etwas Aufmerksamkeit erregt, stürzen sich auf ihn die verzweifelten Juroren, um ihm den Lorbeer auf die Stirn und den Scheck in die Hand zu drücken. Ein einigermaßen begabter Schriftsteller kann überhaupt nicht ungekrönt bleiben. So? Tatsächlich?

Wolfgang Koeppen, von dem im letzten Jahrzehnt drei Romane und drei Reisebücher erschienen sind, halte ich für einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller unserer Zeit. Bis 1961 wurde er von sämtlichen Preisrichterkollegien in solidarischer Einmütigkeit ignoriert. Im Sommer 1961 erhielt er endlich die erste Auszeichnung seines Lebens: den „Förderungspreis“ der Stadt München, der mit der gewaltigen Summe von dreitausend Mark dotiert ist. Der also „geförderte“ Autor ist übrigens fünfundfünfzig Jahre alt und hat sein erstes Buch 1934-veröffentlicht.

Ein Ausnahmefall? Sartre bezeichnete Hans Erich Nossack als den interessantesten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Zugegeben, er hat übertrieben. Daß aber Nossack über eine ungewöhnliche Begabung verfügt, kann kaum bezweifelt werden. Seine Bücher erscheinen seit 1947. Sie wurden von allen Jurys konsequent übergangen. Der ihm im Herbst 1961 verliehene Georg-Büchner-Preis ist die erste literarische Ehrung, die dem jetzt Sechzigjährigen zuteil wurde.

Es wäre jedoch ungerecht zu behaupten, Talent sei in den Augen vieler Juroren ein unverzeihlicher Makel. Auch wer Talent hat, kann unter Umständen einen deutschen Literaturpreis erhalten. Was ist hierzu vor allem nötig? Daß man schon einmal mit einem Preis bedacht wurde. Es gilt nämlich die schöne Faustregel: Preisgekrönt wird, wer preisgekrönt ist. Da sich viele Jurys nicht so sehr für die Neuerscheinungen wie für die Entscheidungen anderer Jurys interessieren, wurden die meisten deutschen Schriftsteller entweder mit keinem einzigen oder gleich mit mehreren Preisen geehrt. Böll hat sieben oder acht, F. G. Jünger – sechs, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günter Eich, Heinz Piontek haben vier oder fünf. Siegfried Lenz erhielt für seine „Zeit der Schuldlosen“ innerhalb von wenigen Wochen nach der Uraufführung gleich drei Preise.

Man klagt, die deutschen Preise’seien für die Auflagen der gekrönten Autoren fast ohne Bedeutung. Das ist leider richtig. In Frankreich gibt es jedoch noch viel mehr Preise (rund fünfhundert, von denen jährlich etwa, zweihundert verteilt werden), und sie haben trotzdem einen beträchtlichen Einfluß auf das ganze literarische Leben. Dies könnte in einem gewissen Umfang auch in Deutschland der Fall sein, wenn es den Preisen, die meist erst seit kurzer Zeit bestehen, gelänge, sich wirkliche Autorität zu verdienen. Dazu freilich ist zunächst einmal nötig, daß die Jurys vernünftiger als bisher zusammengesetzt werden.