Theodor Werner (geboren 1886);

1960, II – so unpoetisch sind heute Titel. Die Scheu vor jeder Erklärung, und sei sie auch nur assoziativ, vor der Preisgabe jedes Gefühls ist heute größer denn je. Allerdings benannte bereits Kandinsky seine Bilder sehr kühl nach äußeren Merkmalen, nach einem „Durchgehenden Strich“ zum Beispiel; er wollte dem Betrachter nicht vorgreifen, wollte ihm überlassen, wie er den Entwurf nachvollziehe.

Klee wünschte dagegen die Identifizierung des Entwurfs mit Tatsachen oder Vorstellung gen und nannte ein Bild rhythmisch gegliederter Streifen „Monument im Fruchtland“. War es nun wirklich ein „Monument“? Bestimmt nicht vorsätzlich^ sondern als das Resultat eines bewußt-unbewußten Spiels mit selbsterfundenen bildnerischen Elementen.

Bei Klee konnte der Betrachter Signale mit Tatsachen verwechseln, bei Kandinsky nicht mehr. Für ihn war die Gestalt des Bildes die einzige Wirklichkeit, wenn auch keine, die sich in ästhetischen Beziehungen erschöpfte.

Bei Theodor Werner ist es noch viel schwieriger, den Prozeß eines Bildes nachzuvollziehen, deshalb steht es für viele Betrachter im luftleeren Raum, und es gelingt ihnen nicht, hinter dem Werk den Autor mit seiner Welterfahrung zu sehen. „Abstrakt“ ist für sie immer dasselbe, nicht eine Konzeption, die tausend Möglichkeiten offen läßt. Dabei sind die Unterschiede zwischen Theodor Werner, E. W. Nay und Fritz Winter größer als zwischen Liebermann, Corinth und Slevogt. Jeder kommt aus einem anderen Bezirk, Werner zum Beispiel ist ein großer Kenner der Naturreiche, ist in der Botanik und Biologie so gut zu Hause wie in der Physik, liest Heisenberg wie andere moderne Lyrik und benützt gern die Gelegenheit, mit Heidegger zu diskutieren.

Er ist nicht mehr jung, wie Kunstfreunde auf Grund seiner Bilder meist annehmen, hat zunächst gegenständlich gemalt und sich mit Cézanne auseinandergesetzt, aber einen dem Kubismus entgegengesetzten Weg eingeschlagen, über betont rhythmische Figurationen in den vierziger Jahren kommt er um 1950 zu neuen Bildideen, zu neuen Gestaltungen des Gegenwartsgefühls, zu Gestaltungen, nicht zu Interpretationen oder Abbildern.

Das vorliegende Bild (Öl auf Leinwand, 81 mal 116 cm) hat dunkelblau-grünen Grund und hell sich abhebende Formen verwandter Tönung. Es ist kein starkfarbiges Bild (die gibt es bei Werner auch), es ist eher monochrom, sensibel abgestuft. Die den Grund überlagernden Formen mit den kammartigen Begleitschraffuren sind teils opak, teils durchsichtig, die fadenartigen Lineamente wirken wie die Reste eines Netzes. Was das Ganze beinhalte, ist zunächst nicht zu sagen, bestimmt keine bekannte Wirklichkeit und keine, die sich im Maler spiegelt. Ob solche Bilder noch „sichtbar“ machen wie die Klees, wäre zu bezweifeln.