Von Josef Müller-Majein

Ein Buch, daß Mendès-France 1953 erscheinen ließ, heißt: „Gouverner c’est choisir“. Aber leider hat der Autor dies Prinzip: „Regieren heißt, eine Wahl treffen“, ein einziges Mal nicht befolgt. Und das behält man hierzulande im Gedächtnis.

Lang ist’s her: es war am 30. August 1954, und es ging im französischen Parlament um die EVG, die „Europäische Verteidigungsgemeinschaft“. Da trat Mendès-France, damals 47 Jahre alt und Ministerpräsident, als der Mann auf, der nicht wählen, nicht entscheiden wollte. Statt dessen appellierte er an das Gewissen jedes einzelnen Abgeordneten.

Die EVG scheiterte. Kurz darauf, im Oktober 1954, wurden die „Pariser Verträge“ unterzeichnet, welche die Bundesrepublik dem Westen und der NATO angliederten. Aber wie war das nun mit Mendès-France? Im August ein unsicherer Gegner, aber schon im Oktober ein Freund Europas und ein überzeugter Mittler zwischen Frankreich und Deutschland?

In jedem Falle hatte man von ihm erwartet, daß er deutlicher, selbstbewußter, sicherer führen werde. Alle Kritik der Franzosen an Mendès-France enthält diesen Tadel, daß es ihm an Deutlichkeit und an Entschlußkraft gefehlt habe. Ja, manchmal ist dies sogar der einzige Inhalt der Kritik an Mendès-France. Denn die Zahl der Enttäuschten ist groß, die mit ihm einig in den politischen Zielen waren und ihm noch immer gram sind, weil er sie nicht erreicht hat. Merkwürdigerweise aber ist die stets lebhafter werdende Kritik an de Gaulle von ganz derselben Art. Und ausgerechnet Mendès-France, der Antipode de Gaulles, trägt sie am lebhaftesten vor, wenn auch in gemäßigter Form. (Es ist bei diesen beiden großen Gegnern etwas kreuz und quer: Mendes hat etwas Gaullistisches und de Gaulle etwas Mendèsistisches, und das liegt nicht nur daran, daß beide hervorragenden Männer glühende Patrioten sind.)

Gegenwärtig macht Mendès-France wieder von sich reden. Auch er hat sich auf Reisen begeben, wie dies de Gaulle in entscheidenden Augenblicken zu tun pflegt. Aber während der Staatschef bei solchen Gelegenheiten in die jubelnde Masse eintaucht und Reden hält, die ebensoviel verschweigen wie sie sagen, sprach Mendès-France jüngst auf seiner zwei Monate dauernden Reise nur in kleinen Zirkeln, und was er sagte, hatte Hand und Fuß.

„Wenn die Politik de Gaulles scheitert“, so seine Worte, „dann müssen wir eine Regierung des Übergangs bilden!“