Washington, im Januar

Niemand wird hier „smiling Mike“ sonderlich vermissen. Michael A. Menschikow, der bisherige Sowjetbotschafter in Washington, führte seinen Spitznamen „lächelnder Michael“ vier Jahre mit Anstand. Eine größere diplomatische Rolle hatte ihm Moskau aber offenbar nie zugedacht, und Menschikow war wohl auch nicht ganz der Mann, sie ernsthaft zu spielen. Wird sein Nachfolger Anatoly F. Dobrynin mit gewichtigeren Vollmachten und mehr persönlicher Initiative auftreten?

Menschikow verabschiedete sich offiziell vom amerikanischen Außenminister am Freitag voriger Woche in einem 15minütigen Besuch. Am Montag verließ er Washington. Sein Nachfolger soll erst in etwa einem Monat eintreffen. Dies sieht nicht unbedingt nach bedeutsamen Hintergründen für den Botschafterwechsel aus. So betrachtet man denn auch auf amerikanischer Seite die Ablösung zunächst als normalen Vorgang im diplomatischen Dienst.

Einige politische Beobachter glauben allerdings, daß Chruschtschow für Dobrynin ähnliche Aufträge haben könnte, wie sie Kennedy dem amerikanischen Botschafter in Moskau, Llewillyn Thompson, zum Jahresanfang erteilte. Die diplomatische Erkundung über Berlin würde demnach künftig auf zwei Gleisen in Washington und Moskau parallel laufen. Das wäre eine Rückkehr zu klassischen Formen internationaler Beziehungen. Chruschtschow hatte sie bisher seinem System persönlicher Außenpolitik stets untergeordnet.

Menschikows letzte öffentliche Tat auf amerikanischem Boden bestätigte nicht gerade seinen freundschaftlichen Spitznamen. Smiling Mike äußerte sich geradezu höhnisch über die amerikanischen Anstrengungen zur Zivilverteidigung. Der beste Schutz gegen die sowjetischen Waffen, sagte der Botschafter seinen Zuhörern – Mitgliedern des National Press Club – bestehe darin, sich in ein Bettlaken zu hüllen und langsamen Schrittes zum nächsten Friedhof zu gehen. Falls jemand wissen wolle, warum „langsam“: damit keine Panik ausbreche ...

Menschikow ist 60 Jahre alt, sein Nachfolger gehört zu der Generation Kennedys. Zum Jahreswechsel wurden zwischen den Regierungschefs in Moskau und Washington relativ freundliche Wünsche ausgetauscht. Es gibt in der amerikanischen Hauptstadt Stimmen, die eine Reise Kennedys in die Sowjetunion für 1962 voraussagen. Der Präsident mag in der Tat wünschen, den großen Erfolg seines Iswestija-Interviews durch die Möglichkeit zu vertiefen, selbst zum russischen Volk zu sprechen.

Anatol Dobrynin war bis zur Ernennung zum Botschafter Leiter der Amerika-Abteilung im sowjetischen Außenminsterium. Er dürfte also über gute Sachkenntnisse für seine neue Aufgabe verfügen. Das ist nützlich, da viel davon abhängt, daß die Russen sich von den Amerikanern ein realistischeres Bild machen. Für den Verlauf der uns Deutschen so elementar berührenden Spannungen besagt dies jedoch zunächst noch nichts. Thilo Koch