Von Wolfgang Ebert

Manche Menschen kennt man jahrelang, und dennoch, bleiben einem wesentliche Züge ihres Charakters verborgen. Ich hatte meinen Bekannten allerlei angesehen, aber nicht, daß es sich bei ihnen um ausgepichte Autokenner und -fachleute handelt. Von diesen ihren verdeckten Begabungen merkte ich erst etwas, als ich mir einen neuen Wagen kaufen wollte.

Zu meinem und ihrem Glück hatte ich diesen Bekannten nie recht auf den Zahn fühlen können – nun aber, als sie erfuhren, was mich bedrückt, nahmen sie die Gelegenheit wahr, sich von ihren erstaunlichsten Seiten zu zeigen. Autokauf scheint, neben Ehezwist, besonders dazu angetan zu sein, ratgeberische Tugenden ans Tageslicht zu fördern. Nichts schien sie mehr zu beschäftigen als meine Sicherheit und Bequemlichkeit. Jeder von ihnen hielt einen Wagen parat, der viel besser war als der, den ich gerade kaufen wollte, und immer war das einer, den sie am liebsten selbst gekauft hätten, wenn ihre Frau ihnen das nicht verboten hätte.

Auf diese Weise ist mir jedenfalls ungefähr alles empfohlen worden, was auf dem Automarkt zu haben ist, wenn man einmal von Lastwagen und Omnibussen absieht. Und ebenfalls ist mir alles miesgemacht worden. Mit welchen Argumenten?

Am häufigsten hörte ich den Ausspruch: „Der? Na, viel Vergnügen! Der fliegt doch schon bei 20 000 (15 000, 30 000) Kilometer auseinander!“ Das wurde so vielen Modellen nachgesagt, daß unsere Straßen eigentlich mit auseinandergeflogenen Wagen übersät sein mußten. Und mit stehengebliebenen. Wagen, die nicht auseinanderfliegen, bleiben zumindest einfach irgendwo stehen – entweder auf einer schmalen Paßstraße oder vor dem Frankfurter Hauptbahnhof zur Stoßzeit – und fahren niemals mehr weiter. Auch hinsichtlich der passenden Wagengröße sah es trübe aus, viel trüber als bei Schuhgrößen etwa. Ich weiß nicht, wie groß ein Wagen sein muß, der zu mir paßt, aber die existierenden sind allesamt entweder zu groß oder zu klein.

Gegen einige Typen konnten sie beim besten Willen nichts einwenden – darum hielten sie sich an die Typen, die solche Wagen fahren. „Den fahren nur Wirtschaftswunderspießer“, war ein beliebtes Argument, das jede etwaige Kauflust sofort im Keim ersticken ließ. Von einem anderen Wagen, der mir wegen seiner schönen Form ins Auge stach, hörte ich, er sei nur etwas für Frauen. Nachdem ich anschließend schweren Herzens vom Kauf eines Wagens Abstand nahm, der mich, wie ich hörte, zu alt machen würde, geriet ich, als ich mich eben für einen schnittigen Sportwagen entschieden hatte, ins andere Extrem. „Sportwagen? Für jemand, der so unsportlich ist wie du?“ warf man mir an den Kopf – worauf ich mich beinahe zu einem Wagen entschlossen hätte, bei dem man, wie ich noch rechtzeitig hörte, auf Schlaglöchern gegen die Decke fliegt – vorausgesetzt, es gelingt einem, überhaupt durch die Tür zu kommen. Mit Müh und Not bin ich einem anderen Wagen entronnen, bei dem meine Experten nur die Augenbrauen hochzogen, was ich als Hinweis darauf nehmen sollte, daß seine Bremsen schon bei sanftesten Abhängen ihren eigentlichen Aufgaben nicht nachkommen.

Während ich mich bei manchen meiner Bekannten schon allein darum unmöglich machte, weil ich einen deutschen Wagen kaufen wollte, stellten andere, die ich um die Erlaubnis bat, einen ausländischen kaufen zu dürfen, im Tone tiefen Bedauerns die Frage, wie ich mich damit abfinden wolle, daß es dafür partout keine Ersatzteile gebe.