Von Ernst Stein

Der Weg zur Hölle ist mit Memoiren gepflastert, in denen die guten Vorsätze den längst vollbrachten Taten nachgeliefert werden – sei es in den Erinnerungen von Schlachtenlenkern, die sich, wenn schon nicht uns, beweisen, warum der Feldzug nur so oder warum er überhaupt nicht gewonnen werden konnte; sei es in den Denkwürdigkeiten von Staatsmännern, die alle, ausnahmslos, Europa oder einen anderen einschlägigen Erdteil gerettet haben.

Jeder Psychiater weiß, daß sich jeder Mensch für zwei, drei Zentimeter größer hält, als er wirklich ist; und gar in Memoiren ist jeder Zoll ein Denkmal. Es müßte immer der Maßstab angegeben werden, wie auf Landkarten, ob es sich nun um den mänadischen Klatsch alter Damen handelt, ohne die es keine Symphonien und keine Duineser Elegien gegeben hätte, oder um Autobiographien von Literaten, die –wenn sie nicht gerade alte Fehden mit abgeschiedenen Gegnern noch einmal als Monolog austragen –, ihrem, also sagen wir schon: Lebenswerk eine Bedeutung nachrühmen, von der zu seiner Zeit keine Rede war und nach seiner Zeit keine sein wird.

Aber Memoiren büßen durch Überhebung, durch schiefes Licht oder Glorienschein nichts an dokumentarischem Wert ein, und die Schwächen des Charakters wie des Gedächtnisses gehören zum Bild. Gerade daß Benvenuto Cellini ein Lügenbeutel war, gerade daß der Herzog von Saint-Simon den Hochmut seines Standes trug wie die vorgeschriebene Agraffe zum Kleid, macht sie zur Verkörperung ihrer Zeitalter.

Vielleicht haben für spätere Zeiten jene Aufzeichnungen den meisten Wert, in denen der Rohstoff nicht in künstlerische Form gegossen wird, worüber er nicht selten verlorengeht, und unter ihnen wieder die Tagebücher, nicht zur Veröffentlichung bestimmt, nicht mit dem Auge auf die Nachwelt geschrieben. Darum ist es erfreulich, wenngleich etwas unerwartet, daß diese jetzt herausgegebenen Tagebücher der literarischen Glättung entbehren –

Harry Graf Keßler: „Tagebücher 1918–1937“, herausgegeben von Wolfgang Pfeiffer-Belli; Insel Verlag, Frankfurt; 800 S., 38,– DM.

Unerwartet, denn Graf Keßler war – um einen immer mißverstandenen und längst verfemten Ausdruck zu gebrauchen – ein Ästhet. Er war es im besten Sinn, er war es bis 1918. Als mit dem Zeitalter, dessen nobler Weggenosse der 1868 Geborene ein halbes Jahrhundert lang gewesen war, der Sinn für den Dienst an der Zeit durch das zeitlos Vollkommene verschwand, wandelte er sich wie mit einem Schlag ins andere Extrem – und blieb der gleiche.