Von Robert Jungk

Wir leben in einem Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen. Aber je stürmischer wir vom Neuen zum Neuesten fortstürzen, um so weniger gelingt es uns, die Richtung unserer Weiterbewegung festzustellen. Wohin geht die Reise eigentlich? Wohl gibt es zahlreiche Denker, die sich diese Frage stellen, doch während sie noch nach einer Antwort suchen, sind die Ereignisse ihnen bereits wieder davongeeilt. So gleicht unsere Fortbewegung in Richtung Zukunft „einer rasenden Fahrt ins Dunkel ohne Scheinwerfer, begleitet von düsteren Vorahnungen, ständig überschattet von der Angst vor einem Zusammenstoß, einer Katastrophe“, wie der französische Philosoph Gaston Berger es einmal ausdrückte.

Berger – er wurde vor etwas über einem Jahr Opfer eines Autounfalls auf einer dunklen französischen Landstraße – hatte versucht, den Weg in die Zukunft ein wenig zu erhellen. Er gab eine führende Stellung im Staatsdienst Frankreichs auf und gründete in Paris das Centre International de Prospective, eine Studiengesellschaft, deren Absicht es ist, die großen Probleme, die sich aus den Wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen der Weiterentwicklung ergeben, in einer „attitude prospective“ zu studieren. Prospektive Haltung – was bedeutet das? Wie mir Dr. André Gros, einer der geistigen Führer dieser Bewegung, kürzlich in Paris sagte, entsteht sie aus der Erkenntnis, daß der ständige Wandel eines der Grundgesetze unseres Zeitalters ist. Wir werden nicht mehr zur Ruhe kommen, wir werden: nicht stehenbleiben, uns sammeln und ausruhen dürfen. Bewegung, Unsicherheit und Gefahr sind unser Schicksal. Um so mehr müssen wir die Ereignisse nach bestem Wissen und Gewissen antizipieren, sie vorausahnen und vorausplanen, statt sie wie bisher auf uns zukommen zu lassen.

Diese Ahnungen und Planungen werden allerdings nie ganz stimmen, werden sich nie als hundertprozentig richtig erweisen. Die „attitude prospective“ ist unvereinbar mit prophetischer Rechthaberei und Dogmatismus. Sie ermöglicht, auf Neues, Nichtvorhersehbares oder nur teilweise Vorhergesehenes durch immer neue Korrekturen blitzschnell zu reagieren – so wie es etwa der Autofahrer im Verkehrsgewühl tun muß.

Zur Zeit versuchen die Schüler Gaston Bergers bei ihren Expeditionen in die Zukunft die Umrisse einer künftigen Erziehung und die Rolle der Massenmedien zu erforschen. So interessant und verdienstvoll ihre Arbeit auch ist, so können sie sich doch nur Teilproblemen zuwenden. Notwendig wäre eine umfassendere Bemühung, wie sie einer der Mitarbeiter Bergers bereits im November 1959 andeutete. Damals machte Pierre Masse, der als eine der leitenden Persönlichkeiten der staatlichen Planungsbehörde eine wichtige Rolle in der Wirtschaftspolitik Frankreichs spielt, den Vorschlag, man möge ein Institut für Entwicklungsfragen gründen, dem eine besondere Abteilung für „prospektivische Forschung“ beizugeben wäre. Zur Erläuterung schrieb er: „Ebenso wie es statistische Institute gibt, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen, deren Fakten sie objektiv sammeln, müßte ein Institut geschaffen werden, das den Blick auf die ferne Zukunft wendet und deren Möglichkeiten in größter Freiheit erwägt.“

Wenn ich hier diesen französischen Vorschlag aufgreife, so deshalb, weil die Notwendigkeit eines Instituts für Zukunflsforschung immer größer wird. Ein charakteristisches Merkmal der neuesten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften ist es ja, daß sie weit mehr als früher nicht nur raumgreifend, sondern auch zeitgreifend sind, das heißt zukunftsverändernd. Das; was morgen geschieht, wird in einem viel größeren Maße als je zuvor von uns bestimmt. Was wir heute tun oder unterlassen, ist daher von entscheidender Wichtigkeit für das Schicksal unserer Kinder und Kindeskinder. Mehr und mehr müssen wir alle unser gegenwärtiges Handeln unter den Aspekt seiner späteren Konsequenzen stellen.

Nun gibt es heute – aus der Notwendigkeit geboren oder auch mehr oder minder improvisiert schon vielerorts Bemühungen um Zukunftsforschung und Zukunftsplanung. In der Privatwirtschaft fällt diese Aufgabe jenen Abteilungen zu, die sich mit Marktforschung, Inventaraufnahme und Produkten – Entwicklung beschäftigen. Kommunale, staatliche und überstaatliche Organisationen (zum Beispiel die OECD) arbeiten bereits mit modernsten elektronischen Daten-Verarbeitungsgeräten viele Projektionen, Extrapolationen, Entwicklungsprofile und Prognosen aus. Besonders weit entwickelt wurden diese Versuche von den Streitkräften verschiedener Nationen. Die Generalstäbe haben ja stets ein besonderes Interesse daran gezeigt, waffentechnische und wehrwirtschaftliche Entwicklungen zu antizipieren und danach ihre Strategie auszurichten.