Karola, meine Freundin, sammelt Märchen. „Moment mal...“, pflegt sie jedesmal bei dieser Bemerkung zu rufen, weil sie meint, man dürfe sie nicht schlankweg eine Sammlerin nennen, weil sie es weder den Brüdern Grimm noch Aarne oder Thompson, noch Grundtvig gleichtue, noch Angelika Merkelbach-Pinck, die in unseren Tagen noch in Lothringen umherstreifte und den Leuten beim Märchenerzählen auf den Mund schaute. Sie alle sammelten an der Quelle; Karola hingegen sammelt, was schon aufgelesen und gedruckt ist. Aber sie sagt mit Recht: „Wenn du wüßtest, was es da noch zu entdecken gibt; nimm zum Beispiel diese merkwürdige Geschichte mit dem Brunnen in ‚Frau Holle‘...“

Man erinnert sich schnell: Die schöne und fleißige Stieftochter und die häßliche und faule Tochter springen der blutigen Spindel nach in den Brunnen hinab und schütteln bei Frau Holle die Betten, auf daß die Flocken oben auf die Erde hinab fallen. Die räumliche Vorstellung von oben und unten ist ungültig. Was bleibt dem an Naturgesetze gewöhnten Menschen, als dem Wunder nachzuspüren? Das Märchen lebt vom Wunder, vom Gegensatz, von der Spannung zwischen „Menschenwelt“ und „Außenwelt“, die so etwas wie die Heimat der Riesen, Gespenster, Geister, Tiere, wilden Jäger, Drachen, Teufel, bösen Stiefmütter, Zauberer, Nixen, Trolle oder einfach der merkwürdigen alten Männer und alten Frauen ist. Diese Wesen machen nach Belieben „natürlich“ auch Abstecher in die Menschenwelt.

Die „Außenwelt“ – das ist ein dunkler Wdd, ein Zauberschloß, ein „Schloß östlich der Sonne und nördlich der Erde“, eine Insel oder ein Felsen im Meer, ein Glasberg. Und die Grenze zwischen ihr und der „Menschenwelt“ sind ein Fluß (den das Glückskind im „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ überqueren muß), ein See (über den „Hänsel und Gretel“ setzen müssen, um nach Hause zu kommen), das Meer (wie im schwedischen Märchen vom „Schloß östlich der Sonne...“) oder der Brunnen in „Frau Holle“.

„Ich finde das einfach faszinierend“, sagte Karola, und sie lachte dabei, als hätte sie in der Lotterie gewonnen. Zumindest besitzt sie die Phantasie, sich vorzustellen, sie hätte gewonnen (auch wenn ihr, der gelernten Volkswirtin, eher sachlichere Begabungen zugedacht werden). Sie hat drei Kinder. Kinder wollen Märchen hören. So las sie vor, las für sich viel mehr. Im Antiquariat stieß sie auf der Märchensuche einmal auf eine Abhandlung über die Frau im Märchen. Die Entdeckungen des Verfassers waren sehr anregend, und da Karola sich mit Märchen beschäftigen will, ohne es zu müssen, entdeckt sie weiter, was, gleichviel, andere sicherlich schon längst entdeckt haben.

Eben wollte sie fortfahren zu erzählen, als ihr Mann – von Beruf Brauerei-Ingenieur und selten fähig, seinen Hang zur Systematik zu unterdrücken – bemerkte: „Nun mußt du aber zur Klärung noch sagen, daß das eigentliche Märchen’ – also im Gegensatz zu Schwank, Tiermärchen, Fabel, Novellenmärchen, Kunstmärchen und so weiter –, daß das eigentliche Märchen’ die bewußt gegliederte Geschichte einer zeitlos idealen Hauptfigur ist, eines Helden oder einer Heldin, die irgendwie mit der ‚Außenwelt‘ in Konflikt geraten, aber immer Sieger bleiben wird. Das ist nämlich der Grundgedanke des Märchens überhaupt, der Glaube an das Leben.“ Auch er ist immer schon aus Passion ein Kenner von Märchen gewesen.

Karola pickte sich aus seinem Einwurf die Zeitlosigkeit heraus. „Das ist, finde ich, das Bemerkenswerte, daß alle Märchen immer geschehen sein können; gestern, heute, und morgen kann’s genauso passieren. Und wenn du genauer liest, wirst du auch merken, daß die Figuren – wenn sie überhaupt Namen haben und nicht nur ‚ein Königssohn‘, ‚die Hexe‘, ‚ein Fischer‘ oder so genannt werden –, daß die Figuren auch zeitlose Namen haben, und die lauten oftmals eben Hans und Grete. Manchmal richten sich die Namen nach dem Habitus: Rotkäppchen, Schneeweißchen, Rosenrot. Hier ist nämlich auch der Unterschied zu den zeitlich und örtlich gebundenen Sagen oder Fabeln, wo Namen ihre Rolle spielen. Und, natürlich, nicht zu vergessen: Pflanzen und Tiere und Gegenstände können sprechen.“

Doch meine Freundin findet etwas anderes noch viel aufregender. In ihren Bücherregalen stehen Bretonische Märchen, chinesische, Indianermärchen, irische, italienische, indische, russische Märchen, dazu lothringische, schwedische und schon für sich so inhaltsreiche Fundgruben wie Grimms Märchen und die aus Tausendundeiner Nacht. Sie werden vor allem von drei Verlagen kultiviert, dem Eugen Diederichs-Verlag, der Nymphenburger Verlagshandlung und dem Manesse-Verlag. Als Karola bemerkt hatte, daß es für Märchen kaum Landesgrenzen gibt, fing sie an, zu vergleichen. Das ist die jüngste Fährte, die sie verfolgt, aber, fügte sie hinzu: „Ich weiß gar nicht, ob ich je das Ende finden werde. Wenn ich ehrlich bin, ich will’s eigentlich auch gar nicht...“