Man hätte dem sympathischen Neuminister Stammberger einen leichteren Start gewünscht, als ausgerechnet den im Kampf der deutschen (Kraft-)Wagen und (Prinzip-)Gesänge. Warum hat er sich nicht etwas Einfacheres ausgesucht? Aber ob er nun, vorangetrieben von der Einmütigkeit der Gutachter – blockiert von der nicht minder einmütigen Empörung der Automobilisten, Gastwirte, Schnapsbrenner und Verteidiger der Menschenrechte – sein 0,8 Promille durchsetzt oder nicht –, das Problem scheint von der verkehrten Seite angefaßt zu werden, wenn man sagt: Seht mal, in Norwegen und Schweden geht’s doch, warum nicht auch bei uns? Die Antwort lautet: Weil wir keine Norweger und Schweden sind.

Genauso dubios ist die Anwendung der anderswo bewährten Strafpunktsysteme für Kraftfahrer auf unsere Verhältnisse, wenn man nicht die psychologischen Unterschiede zwischen „anderswo“ und „bei uns“ berücksichtigt. Man muß schon zweierlei Maß anlegen, denn Autofahrer ist nicht überall gleich Autofahrer – und Polizei ist nicht überall gleich polizeilich pedantischem Strafeifer.

Vielleicht empfiehlt sich gerade der Vergleich mit Amerika, dem wir schon so vieles abgeguckt haben, eines aber nicht: wie man mit sehr vielen Autos sehr rücksichtsvoll fahren kann. Oh, man mißverstehe mich nicht! Es gibt auch drüben Verkehrsstrolche, aber immerhin kann man dort neun Jahre fahren (unfallfrei) und nur einmal von einem anderen Fahrer angepöbelt werden – von einem Italiener aus Brooklyn. Die Polizei drüben ist kein zartbesaiteter Klub, wenn man’s genau wissen will: Sie ist, wo es sein muß, sogar brutaler als alles, was sich der brave Bundesbürger vorstellen kann. Auf Kraftfahrzeuge, die Fahrerflucht begehen oder auch nur mit Tempo 80 (Meilen) einem Strafmandat zu entrinnen suchen, wird geschossen. Wem es aber – und hier zeigt sich die Rückseite der Medaille – in Amerika einfiele, Autofahrer nur wegen 0,8 Promille via Ins-Tütchen-Blasen ins Kittchen zu bringen, auch wenn er nichts verschuldet hat – der würde sich wundern!

Streng, brutal sogar; aber nicht „prinzipiell“, nur weil es im Gesetz steht. Staaten der Union, die sich einiges auf ihre Verkehrssicherheit einbilden, wie zum Beispiel Connecticut, haben das Strafpunktsystem schon seit langem. Die Punkte werden dort aber sorgsam nach der Schwere des Vergehens gestaffelt, Ich kann mich nicht erinnern, jemals davon gehört zu haben, daß für solche Delikte wie „falsches Einbiegen oder Wenden“, „zu dichtes Auffahren“, „Fehler, bei Richtungsänderung“ gleich zwei Punkte aufgebrummt werden. Das aber ist bei uns offenbar geplant und wird zum Teil schon, durchexerziert.

Als meine Frau einmal im „Rush“-Verkehr Washingtons, bei Schnee, Glatteis und Nebel, auf den großmächtigen Cadillac eines Regierungsmitgliedes und persönlichen Freundes von Eisenhower auffuhr, ebenso sanft wie nachdrücklich, dachte kein Mensch daran, ihr Strafpunkte aufzubrummen. Die Polizei vermerkte in ihrer (drüben schon seit Jahrzehnten üblichen) „Kurzanzeige“ in den vorgedruckten Rubriken: „Zu dicht aufgefahren“, aber als Milderungsgründe gleichzeitig „Schnee, Glatteis, Nebel...“ Sie zahlte einige Dollar und man sprach nicht mehr davon; den Blechschaden bezahlten die Versicherungen, ohne zu murren.

Jagt aber ein jugendlicher Rowdy, verfolgt von heulenden Polizeiwagen, durch drei Rotlichter, reißt er dabei einen geparkten Wagen um, jagt er weiter und kracht er schließlich wieder gegen einen Wagen, so sind die 10 Punkte, die zum Entzug des Führerscheins führen, durch einfache Addition gleich fällig. Ich habe es nicht ganz in Erinnerung, aber so ungefähr dürfte es in Washington, D. C., aussehen: Überschreitung der maximalen Geschwindigkeit – 1 Punkt, Nichtbefolgung des Stop-Befehls der Polizei – 3 Punkte, Rotlichter durchfahren und somit Verkehr aufs schwerste gefährdet – 2 Punkte, Kollision durch gemeingefährliches Fahren – 4 Punkte, Fahrerflucht nach Kollision – 8 Punkte. Man sieht, das reicht für weit mehr als 10 ...

Zwischen „Hauchen Sie mich mal an!“ oder „Sie haben falsch gewendet“ – und rigorosem Durchgreifen in schwerwiegenden Fällen besteht doch ein beträchtlicher Unterschied. Derselbe Unterschied besteht zwischen getarnten „Radarfallen“ bei uns und dem Warnschild in Amerika: „speed checked by radar!“, so daß jeder weiß: Aufpassen, hier muß ich schön brav sein! Es ist genau der Unterschied zwischen effektiver Unfallverhütung durch drastische, aber gerecht dosierte Maßnahnen – und polizeilich-juristischer Prinzipienreiterei.