Von Heinrich Lützeler

Selbstkritik Europas

Europa sieht sich auf die Waage der Geschichtegelegt und für zu leicht befunden. Seit rund zweihundert Jahren zeigt die europäische Literatur – gerade die der wachsten und hellsten Geister – eine ununterbrochene und entschiedene Linie der Selbstkritik. 1774 schrieb Herder: „Wie wissen wir, den einzigen Gott aller Götter, Mammon, als einen zweiten Proteus zu. erhaschen, und wie zu verwandeln, und wie alles von ihm zu erzwingen, was wir nur wollen!“ 1799 beklagte Novalis die Entgötterung und damit Entwirklichung Europas: „Wo keine Götter sind, walten Gespenster.“ 1825 entwarf der alte Goethe ein Zeitporträt in einem Brief an Zelter: „Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Facilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.“ Nach diesen Zeugnissen scheint Europa der Reichtumsmacht und dem Drang des technischen Fortschritts verfallen, mit dem Ergebnis, daß es plan im Denken und Fühlen wird, wenn nicht gar Phantomen hingegeben.

Um die Jahrhundertwende mehrten und verschärften sich die Stimmen der Sorge, steigerten sich zur Verzweiflung oder erstarben in der Resignation. Jacob Burckhardt sprach 1881 gegenüber dem Architekten Max Alioth die Befürchtung aus: „Mich überkommt bisweilen ein Grauen, die Zustände Europens möchten einst über Nacht in eine Art Schnellfäule überschlagen, mit plötzlicher Todesschwäche der jetzigen scheinbar erhaltenden Kräfte.“ Im Vergleich zu Herder, Novalis und Goethe, die bei einzelnen Fragwürdigkeiten verweilten, ist nun die Verurteilung umfassender geworden und auf den Kern bezogen. Die Möglichkeit des Endes dämmert herauf. Es fällt das Leitwort einer kommenden Epoche „Nichts“, und im bleichen Schimmer krankhafter Schönheit erscheint die Wollust zum Nichts.

Im 20. Jahrhundert drängen sich die europäischen Dokumentationen europäischer Unwertigkeit. 1918 verkündete Oswald Spengler das Ende der europäischen Kunst, nachdem sie im Lebenslauf ihrer Kultur ihre Bestimmung erfüllt habe; die Krisis des 19. Jahrhunderts sei ihr Todeskampf gewesen. Heute gebe es nur noch den Kunstlärm, „mit dem eine weltstädtische Zivilisation sich über den Tod ihrer Kunst zu täuschen versteht“. Fragt man aber, was denn der Keim der Todeskrankheit sei, so antwortet darauf Theodor Lessing: „Untergang der Erde am Geist“; Ludwig Klages: „Der Geist als Widersacher der Seele“; Richard Benz: „Die von der Antike geschaffene, ganz Europa überfremdende Logik.“

Eine ungeheuerliche, von Europäern selbst aufgestellte Bilanz: Verrat des Menschen an den Intellekt; Verkümmerung der Seele; ihre Überwältigung durch die Macht, das Geld, die Maschine; sich häufende Zeichen der Erschöpfung; ein wachsendes Gefühl der Leere; Ahnung des Endes. Solcher Kulturkritik gegenüber haben die Europäer sich sehr unterschiedlich verhalten. Die einen sind dem Kulturpessimismus verfallen; die Zukunft werde nicht mehr Europa gehören.

Die anderen haben sie ein wenig leichtfertig zurückgewiesen: hier handle es sich nur um extreme Urteile ideologisch einseitiger Literaten.