Von Thomas v. Randow

In einigen amerikanischen Zeitschriften erschien kürzlich das Photo eines Mannes, der ganz offensichtlich der Verzweiflung nahe war. Mit zerfurchter Stirn und ziellosem Blick saß er da an seinem Schreibtisch, halb grübelnd, halb schon resignierend. Darunter der trostversprechende Text: „Verzweifelt? Kommen Sie zu uns, wir lösen Ihre Probleme.“

Der Mann auf dem Bild, der sein Gehirn zermartert, könnte ein konkursbedrohten Geschäftsmann sein, ein Arzt, der über einen unerklärlichen Fall nachdenkt, ein besorgter Familienvater oder ein Ingenieur, der sich ein technisches Versagen nicht erklären kann. Aus dem Wortlaut der Anzeige geht nicht hervor, welcher Art die Probleme sind, mit denen man sich vertrauensvoll an das Institut wenden darf, das mit dem eindrucksvollen Photo Kunden werben will. Lediglich die Bezeichnung „Forschungsfirma“ gibt einen Hinweis darauf, daß das Institut wohl kaum für Liebeskummer oder Weltschmerz zuständig ist.

Indessen bezeichnet das englische Wort „research“ weit mehr als sein deutsches Analogon „Forschung“, und was den Geschäftsmann bekümmert, kann durchaus ein Forschungsprojekt werden, jedenfalls für die „Trouble Shooters“, die damit Geld verdienen, daß sie anderer Leute Probleme lösen.

Problemlösung ist zu einem neuen Geschäftszweig geworden. In den Büros dieser Institutionen sitzen junge Männer, zumeist frischgebackene Doktoren der Mathematik, Physik, Philosophie oder des Ingenieurwesens, die sich während ihrer Studienzeit mit dem neuen Fach „Problem Solving“ beschäftigt haben. Problemlösung wird an einigen amerikanischen Universitäten gelehrt – eine Kombination von Logik und der Programmierung von elektronischen Rechengeräten. Aufgaben aus der naturwissenschaftlichen Forschung, soziologische, medizinische, wirtschaftliche und psychologische Fragen werden in den Kursen in bunter Folge behandelt. Zunächst wird das jeweilige Problem seiner Beziehungen zur Wirklichkeit entkleidet, es wird in eine Symbolsprache übersetzt, in ein mathematisches Gleichungssystem, dem man nicht mehr ansehen kann, ob es eine medizinische Diagnose oder den Ankauf eines Aktienpaketes darstellt. Nicht selten läßt sich übrigens der gleiche Formalismus auf eine soziologische Untersuchung ebenso wie auf eine technische Aufgabe anwenden.

Ihr besonderes Augenmerk richten diese Berater auf die Komplexität eines Problems. Von welchen Faktoren hängt die Lösung einer Aufgabe ab? Hierbei ist die Rechenmaschine eine gute Hilfe. Mit ihr lassen sich nämlich jetzt, in der formalisierten Gestalt, die Situationen nachbilden, die zu der Fragestellung geführt haben Hat das Gerät unter den eingegebenen Verhältnissen eine Entscheidung gefällt, dann wird die Situation vereinfacht, man nimmt nacheinander Bedingungen heraus und prüft, wie sich das Gerät im weniger komplizierten Fall verhält. Dabei stellt sich sehr oft heraus, daß unsere Probleme viel einfacher sind, als sie uns zunächst erscheinen.

Das macht ein Experiment, das man kürzlich am Lincoln Laboratorium durchgeführt hat, besonders deutlich: Testpersonen wurden gefragt, worauf sie bei einer neuen Anstellung den größten Wert legen würden, auf das angebotene Gehalt, die Sicherheit oder die charakterlichen Qualitäten des Chefs und der Mitarbeiter. Keiner der Befragten war bereit, diese Frage ohne Vorbehalt zu beantworten. „So einfach ist die Sache nicht“, meinten sie, „das hängt ganz von der Art des Jobs ab; bei dem einen mag die Bezahlung wichtiger sein und bei dem anderen das Betriebsklima Nur um nicht Spielverderber zu sein, nannte schließlich jeder einen der Gesichtspunkte. Daraufhin wurde eine Reihe von hypothetischen Stellungen angeboten und detailliert beschrieben. Nach langem Überlegen und Abwägen des Für und Wider entschieden sich die Testpersonen für einen der Arbeitsplätze.